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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im September 2010

Der Ehemann der Verstorbenen war sich seiner Sache sicher. In den Abschied von seiner Frau sollten jenseits ihres Kirchenaustritts zwei zentrale Elemente christlicher Glaubenstradition einbezogen werden: Das "Apostolische Glaubensbekenntnis" und das "Vater Unser". Ganz abgesehen von der Interessenlage aller übrigen Teilnehmer der Trauerfeier war es ihm ein Bedürfnis, diese Worte erklingen zu lassen - und zwar möglichst im gemeinsamen Sprechen; der Redner würde beide Texte dann anleiten.

Einen Text gemeinsam zu rezitieren bedeutet mehr, als nur miteinander dieselben Worte von sich zu geben. Sich einer solchen kommunikativen Aktion zu unterziehen und an ihr teilzuhaben eröffnet mannigfache Felder der Vitalität und der Interaktion. Menschen, die parallel und gemeinsam Texte sprechen, synchronisieren auch ihre körperliche Präsenz. Im (erlernten!) Sprechrhythmus gleichen sich Geschwindigkeit und Betonung an, der Atem aller Beteiligter findet unmerklich einen gemeinsamen Fluss. Die eigene Stimme lehnt sich an oder vermischt sich mit denen der Nebenstehenden. Alle Stimmen werden in der Außenwahrnehmung zu einem einzigen Klangkörper, der vor allem durch seine Kompatibilität besticht. Wird im Stehen gesprochen, so ändert sich zudem die Körperspannung: "Haltung bewahren" verhindert ein In-sich-Zusammensinken, ein Abtauchen im emotionalen Abgrund der Situation. Die eigene stimmliche Aktivität spiegelt sich der Selbstwahrnehmung zudem als Indiz der Lebendigkeit: "Ich spreche, also lebe ich!" Dass im Umfeld des Todes also das Leben sich Gehör verschafft und dem Schweigen das letzte Wort entreißt - machtvoll kann dies im monotonen oder auch akzentuierten Sprechgebräu eines allseits bekannten Textes offenbar werden. Solche Texte bestehen natürlich aus Worten, aus Aussagen. Womöglich aber tritt die Bedeutung der Inhalte im Kontext des gemeinsamen Rezitierens hinter dem Gemeinschaftsaspekt des Sprechens zurück. Bei jedem Mantra ist das so - und auch bei Zauberformeln, deren Wirkung nicht auf ihrem Verständnis beruht, sondern allein durch ihr Gesprochenwerden entfacht wird. So mag auch ein eigentlich Kirchenferner sich dem uralten Zauber jener Wortfolgen öffnen, die ihm einst vertraut waren, von denen er sich aber mittlerweile intellektuell verabschiedet hat. So mag mancher sich von der stimmlichen Sinnlichkeit der Situation berühren lassen, die Schulterschluss wie Verankerung suggeriert. Womöglich auch wird eine innere Reminiszenz wahrnehmbar - an jene Kindertage des Glaubens, denen man mittlerweile entwachsen ist. In der Selbstverständlichkeit eines gemeinsam gesprochenen Textes kann auch die Entdeckung liegen: Die anderen Stimmen umgeben mich, die Anderen nehmen mich mit. Ich bin umhüllt von Laut gebender Lebendigkeit, ich bin Teil eines größeren Ganzen. Dies alles braucht weder dogmatische Linientreue, es braucht noch nicht einmal Worte. Auch ein miteinander angestimmtes "Omm" kann diese Erfahrungswelt öffnen.

Der Witwer hatte Recht behalten: Fast alle Anwesenden stimmten ein und nahmen das Angebot wahr. Die Beisetzung der Urne endete mit dem "Vater Unser". Dieses wiederum endete - nein: nicht schon mit dem "Amen" - sondern mit dem Schweigen danach. Der Nachhall verebbender gemeinsamer Stimmwelten, der Kontrapunkt zur eben getätigten Aktivität - ein überraschender Genussmoment im Spüren der ersten eigenen Atemzüge nach dem vollbrachten Gemeinschaftswerk.

Ernst Cran

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