Von hier aus können Sie direkt zum Inhalt springen

Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Januar 2008

Der Weg zur Grabstätte führte über morastige Wege und durch nasses Unterholz. Feuchte Spätherbsttage hatten ihre Spuren hinterlassen. Feierliche Kleidung und schickes Schuhwerk waren bei diesem Gang verzichtbar. Wetterfestigkeit und ein forscher Schritt gehörten dagegen zu den erforderlichen Tugenden, um die Beschwernis der Wegstrecke zu bewältigen. Kein leichter Gang - im wörtlichen Sinne des Wortes. Schwere Schritte - und die Wahrnehmung, sich Fuß um Fuß dem Ziel zu nähern, das unauffällig nach verschiedenen Wegabzweigungen inmitten dichten Baumbestandes nahte. Die Graböffnung für die Urne befand sich in unmittelbarer Nähe eines stämmigen Baumes, der sein Astwerk ausladend über die Umgebung breitete.

Friedhof oder Friedwald - diese Alternative stellt sich für jeden, der auf einen benannten Grabplatz verzichten möchte und die Qualität naturbelassener Umgebung zu schätzen weiß. Der den eigenen Weg als Teil des großen Kreislaufs aller Realität begreift und sich am Ende wieder im Ganzen gebettet aufgehoben wissen will. Grabpflege und Grabschmuck werden verzichtbar - für Floristen und Steinmetze hat ein Friedwald keine Arbeit. Die Natur übernimmt im Wechsel der Jahreszeiten die Gestaltung der Begräbnisstätte. Gleichwohl verbirgt sich auch hinter dieser scheinbaren Ursprünglichkeit das strukturierte Prinzip verwaltender Kräfte. Der Friedwald ist gleich einem Friedhof gerastert und eingeteilt: In Bezirke, deren Wertigkeit und Lagequalität in differenzierten Preislisten Ausdruck findet. Bäume werden je nach Massivität und Mächtigkeit zugeordnet, die Plätze darunter sind limitiert und preislich sortiert. Ein unsichtbares Planungssystem durchzieht die an der Oberfläche waltende Natürlichkeit. Ein Abschiedsort mit besonderen Gegebenheiten, der jedoch auch den Kriterien ordentlicher Nachprüfbarkeit und abwicklungstechnischer Handhabbarkeit genügt.

Auch die Gestaltung der Feier am Grab hat den speziellen Bedingungen des Platzes Rechnung zu tragen: Steckdosen sucht man vergebens - akustische wie musikalische Beschallung hat mittels natürlicher Klangquellen zu erfolgen. Statt Orgelklang gemeinsamer Gesang einfacher Melodien - und für den Redner die Möglichkeit, die Tragweite der Stimme an den witterungs- wie windbedingten Umständen zu messen. Und die Möglichkeit, sich inhaltlich von der omnipräsenten Gegenwart der Natur inspirieren zu lassen: Den Elementen nahe sein und die menschliche Existenz als Teil davon begreifen, der im Lebensweg eines Verstorbenen seine Ausprägung fand. Die Urne mit seiner Asche der Erde übergeben, die Grabstelle mit vergänglichem Schmuck wie Blättern oder Ästen dekorieren - und sich auf den Rückweg machen. Womöglich mit der erhöhten Achtsamkeit für die Geräusche und Gerüche des Waldes, für den Kontakt des Fußes mit dem herbstlichen Boden bei jedem Schritt in Richtung Ausgang. Friedhof oder Friedwald - auf den Frieden kommt es an, und der ist hier wie dort ein Angebot, das der Augenblick macht und schenkt

Ernst Cran

Zurück zum Seitenfanfang