Die "Leichenhalle" des kleinen Landfriedhofs bot gerade genug Platz für den Sarg und links und rechts je eine Stuhlreihe für die Angehörigen. Alle anderen Anwesenden hatten zu stehen - inklusive des Redners, dessen vermeintlich wichtigstes Handwerkszeug hier schlicht fehlte: Das Rednerpult.
Ein Pult gehört zu den offensichtlich zentralen Utensilien des Rednerdaseins: Es definiert den Platz des Redenden und gibt durch seine Positionierung die Richtung vor, in die gesprochen wird. Es dient als Halterung für eventuelle Mikrofone, als Ablage für Literatur oder Liederbücher und ermöglicht durch eine integrierte Beleuchtungseinrichtung eine bestmögliche Draufsicht auf das Redemanuskript. Dennoch ist seine Bedeutung durchaus unterschiedlich wichtig - für den Redner, der seine Rede gänzlich frei hält oder sogar aus dem Stegreif formuliert ist es vermutlich sogar verzichtbar. Für den Redner, der seine Ausführungen nur mit einem kargen Stichwortzettel bestückt macht, ist es allenfalls leidlich nötig. Für den Redner, der mit ausformulierten Texten arbeitet und beim Vortrag den Blickkontakt mit den Hörern sucht, ist es ein wertvolles Instrument des Gelingens. Hierbei jedoch ist er vielerlei Unbillen dieses Hilfsmittels ausgesetzt: Ein Pult kann zu hoch sein oder zu niedrig. Der Neigungswinkel seiner Ablagefläche kann zu steil sein oder zu flach. Die Ablagefläche kann zu klein sein, so dass die Redemappe gar nicht platziert werden kann. Die Auflagehalterung kann so schmal beschaffen sein, dass jedes Blatt festgehalten werden muss, damit es nicht abrutscht. Die Beleuchtung schließlich kann so platziert sein, dass sie entweder den Redenden oder die Zuhörer blendet. Starr installierte Mikrofone können durch ihre Unflexibilität den Redner zu körperlichen Verrenkungen zwingen oder ihren Zweck schlicht verfehlen. Natürlich aber gibt es auch perfekte Rednerpulte: Hier und da steht eines dieser Wunderwerke, die wie für einen selbst geschaffen zu sein scheinen. Ein anderer Redner aber würde genau an diesem subjektiv optimalem Produkt ebenso subjektive Kritik üben, weil es sich den eigenen Bedürfnissen hier und da verwehrt. Flexibilität also ist ein elementares Qualitätskriterium für ein optimierbares Rednerpult. Verstellbarkeit in allen Bereichen von Ausdehnung und Positionierung. Materialien, die diese Beweglichkeit ermöglichen, verdienen bei der Gestaltung von Pulten unbedingten Vorrang. Ein gutes Pult lässt sich für jeden Redner in das für ihn optimale Utensil verwandeln - sofern es denn überhaupt vorhanden ist.
Hier jedenfalls war dem nicht so. Ohne Pult zu reden hat für den Redner jedoch eine ebenso perfekte Qualität: Er kann nämlich jenes "Pult" benutzen, das die Natur ihm gegeben hat und das sich in jeder Weise den Erfordernissen der Situation und der Umgebung angleichen lässt - wenn auch ohne den Luxus einer integrierten Beleuchtung oder Schallverstärkung: Die eigenen Arme und Hände. Sie ermöglichen optimale körperliche Präsenz und Positionierung und gleichermaßen die perfekte Abstimmung der Entfernungen zum Manuskript und zu den Hörern - selbst in der kleinsten Leichenhalle.
Ernst Cran