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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im April 2008

Diese Trauerfeier stand unter schwierigen Vorzeichen: Das Ableben des Verstorbenen war unter dramatischen Umständen mitten am Arbeitsplatz geschehen. Das Ehepaar hatte gerade erst begonnen, das lange und intensiv renovierte Haus zu genießen. Der Sohn lebte mit seiner Familie fernab an der Küste. Die Ehefrau schien mit allem überfordert und wie apathisch. Inmitten dieser Konstellation aber entfalteten die Angehörigen eine nicht geahnte Aktivität: Sowohl dem Bestatter wie auch dem Redner wurden genaueste Vorgaben und Inhalte genannt und gemacht, was die Gestaltung der Trauerhalle und der Urnenfeier anbelangte. Zeitintensive Probedurchläufe und in Eigenregie erstellte Bestandteile der Feier vermehrten den Zeitbedarf bei allen Beteiligten. Nahezu tägliche Telefonate im mehr als zweiwöchigen Vorlauf auf den Termin sowie zahllose Änderungs- und Ergänzungswünsche erschwerten die zielgerichtete Ausarbeitung der verbalen Bereiche wie auch der dekorativen Elemente der Feier. Ratschläge wurden verworfen oder abgelehnt; bis auf die Rede sollte die Trauerfeier von den Angehörigen selbst moderiert und gestaltet werden.

Aktiv an der Gestaltung des Abschieds mitzuwirken ist für jeden Angehörigen eine hilfreiche Möglichkeit, Trauer-Arbeit zu leisten. Viele Elemente der Feier bieten Aspekte, sich einzubringen: Die Gestaltung von Blumenschmuck und Sarg, die Auswahl der musikalischen Elemente, technische Neuerungen wie Beamer-Einsatz, persönliche Abschiedsworte oder das Verlesen eines Abschiedsbriefes. Jede Aktivität beugt dem passiven Erleiden des Schmerzes vor. Jeder Bestandteil mit persönlichen Zügen fördert die Wahrhaftigkeit des Abschieds. Diese wünschenswerte Energie aber kann in Aktionismus umschlagen, wenn Angehörige der Abschiedssituation mit einer Vermeidungsstrategie begegnen: Je mehr Dramaturgie, umso weniger Besinnlichkeit. Je mehr Bestandteile und Beiträge, umso weniger Spüren. Je mehr Eigenaktivität, umso weniger Hingabe an die Situation. Eine riskante Gratwanderung, durch das eigene Tun das innere Erleben des Abschieds zu verpassen. Eine fordernde Situation für alle anderen Beteiligten - wie auch für die Gäste der Feier: Angehörige, die so sehr im Dialog mit sich selbst versunken sind, dass weder Zeit noch Achtsamkeit für die Begegnung bleibt.

Die Feier hatte mehr als die doppelte Dauer. Sie war bestückt mit einer Beamer-Präsentation mit musikalischer Untermalung, die die Länge der Trauerrede deutlich übertraf. Sie war geprägt von der nervlichen Anspannung, dass nur jedes geplante Detail auch gelingen würde. Und doch war die Feier gelungen. Es hatte sich energetisch etwas durchgesetzt, was in diesem Fall offenbar nur auf diesem Wege zu erreichen war: Die Zufriedenheit der Angehörigen mit dem Abschied von ihrem Verstorbenen. Der Mann war leidenschaftlicher Arbeiter gewesen. Nun hatten die Seinen für ihn gearbeitet. Er hatte stets für alle das Letzte gegeben. Nun hatten die Seinen sich für ihn verausgabt - Einsatz bis zur Erschöpfung als Dankeschön des Herzens. Und für Redner wie Bestatter die Erfahrung: Zulassen statt zu dominieren - und auch schwierige Umstände als potentielle Energieträger begreifen!

Ernst Cran

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