Der Sarg war klein und weiß, das darin liegende Mädchen drei Monate alt. Zur Welt gekommen mit schweren gesundheitlichen Problemen, Zeit ihres kurzen Lebens ausschließlich in der Klinik gewesen - die Eltern untergebracht im krankenhausnahen Wohnheim für Angehörige schwer kranker Kinder. Und nun der Abschied: Rosa als Lieblingsfarbe der Kleinen, Musik mit Spieldoseneinschlafmelodiecharakter, Angehörige aus drei Generationen dicht am Sarg stehend - und die schmucklose Leichenhalle als Startplatz für die Schritte des Lebewohls zum Grab.
Manchmal scheinen alle Worte überflüssig. Wozu reden, wenn doch weder etwas zu erklären noch etwas zu verstehen ist? Wozu die Stimme erheben, wenn doch die Tatsachen für sich sprechen und ihre grundlose Grausamkeit ins Herz pressen? Wenn ein Kleiner stirbt, der gerade erst im Leben willkommen geheißen wurde, versagen die gängigen Themen der Würdigung und des Dankes. Wenn ein Lebensweg endet, noch bevor er richtig beginnen konnte, ist jedes anerkennende Wort über vollbrachte Taten und hinterlassene Werke überflüssig. Das Leben hat sein Geschenk an die Eltern wieder zurückgezogen - gerade, als es eben erst gemacht worden war. Die Gemeinschaft verliert jemanden, dem die ganze Freude der Zukunft galt. Die Schärfe eines solchen Abschieds schweigend miteinander auszuhalten, ist eine erlaubte Option, wo Worte die Situation verfehlen würden. Eine andere Option ist es, den Worten den Zugriff auf die gedachte Vor- und Nachgeschichte eines solchen kurzen Aufenthaltes auf der Erde zu gestatten. Eine Möglichkeit ist es, den Schmerz des Hier und Jetzt einzubetten in eine gedachte oder erwünschte Vorstellung des Davor und Danach. Um der Härte der Gegenwart Stand zu halten, ist der Griff in die Sterne erlaubt. Um der Bodenlosigkeit des realen Geschehens Halt zu geben, ist der Ausflug in die Welt der Phantasie gerechtfertigt. Vor allem dann, wenn es im Erleben der Angehörigen wahrgenommene Anhaltspunkte dafür gibt: Eine besondere Begebenheit mit ihrem Kind etwa - oder Geschehnisse während oder kurz nach dem Sterben; ein Lächeln, ein Lichtstrahl, ein Regenbogen.
Dieses Mädchen war seinen Eltern ein "kleiner Engel" gewesen. So hatten sie es erlebt, so waren sie ihm begegnet. Ein Wort, ein Begriff, der zur Basis für die Sprache werden kann. Ein Bild, eine Vorstellung, die dem Reden eine Richtung geben kann: Engel sind Boten aus der Welt des Göttlichen. Sie sind Besucher auf dieser Erde. Sie kommen - und sie kehren wieder zurück in den Schoß des Himmlischen. Eine Gedankenwelt, die im Prinzip auf jeden Menschen übertragbar ist. Wenn schon, dann waren wir alle einst Engel und werden es wieder sein. Eine Vorstellung aber, die besonders einer so dramatisch kurzen und harten Erdenepisode einen bergenden und sanften Rahmen geben kann - den Eltern einen Ankerplatz für die Ruhelosigkeit der Gedanken bezüglich des Geschickes ihres Kindes, und einem kleinen Engel ein liebendes und achtsames verbales Geleit auf seinem weiten Weg zurück zu den Sternen.
Ernst Cran