Das Vorgespräch zur Trauerfeier endete mit einer scheinbar belanglosen Bitte der Angehörigen: "Wären Sie so nett, am Ende der Feier in unserem Namen für hinterher zum Leichenschmaus einzuladen!" Dieser Bitte konnte entsprochen werden. Es würde sich ein Weg finden, bei den Schlussworten auf dieses Anliegen einzugehen.
Sich nach dem Ende einer Trauerfeier oder Beisetzung noch miteinander zu versammeln, ist keineswegs mehr selbstverständlich oder durchgängig üblich. In heutigen Zeiten der Mobilität entfällt in der Regel das von alters her relevante Argument für die Abhaltung eines "Leichentrunks" oder "Totenmahls": Von weit her angereiste Angehörige für die Rückreise verköstigen zu müssen und die seltene Gelegenheit der Kommunikation nutzen zu können. Nur in Ausnahmefällen wird es Umstände geben, die aus diesem Hintergrund heraus ein gemeinsames Mahl erfordern. Immer aber ist es wichtig, den sozialen Aspekt von nach dem Begräbnis miteinander verbrachter Zeit im Blick zu behalten: Sie kann wertvolle Impulse des Lebens setzen, wo vorher noch der Abgrund des Todes thronte. Sie kann Geleit und Begleitung manifestieren, wo im Herzen die Einsamkeit schon zu triumphieren glaubte. Sie kann wie im Schongang beides zusammen bringen: Dass der Tote nicht mehr leibhaftig anwesend ist - dass aber viele andere durch ihre Gegenwart wie einen Mantel des Lebens um die Wunde der Trauer legen. Der Wert dieser gemeinsam verbrachten Zeit zeigt sich schon alleine im Blick auf die Alternative: Vom Grab weg nach Hause zu gehen, um sich in den nun verlassenen vier Wänden dem Nachhall der Vergangenheit auszusetzen. Dieser Nachhall schallt vielstimmig und mitunter dynamisch-vital auch in den Tischgesprächen eines "Leichenschmauses". Anekdoten und persönliche Erlebnisse mit dem Verstorbenen haben darin genauso ihren Platz wie der wie schleichend angetretene verbale Rückweg in die Normalität. Tagesgeschehen vermischt sich mit dem Ausnahmezustand eines Todesfalles. Alltäglichkeit holt Denken und Empfinden auf den Boden lebbarer Gegenwart und Zukunft.
Natürlich beinhaltet die Abhaltung eines Leichenschmauses viele praktische Unwägbarkeiten: Wie viele Personen werden der Einladung Folge leisten? Werden die "richtigen" kommen und die "richtigen" wegbleiben? Lässt sich die Logistik auf dem Weg zum ausgesuchten Lokal bewältigen? Wird die Stimmung bei Tisch auch nicht ausufern oder sich verselbstständigen? Alle diese Aspekte lassen sich letztlich nicht abschließend vorhersagen und einschätzen. In jedem Fall aber macht es Sinn, damit achtsam und sensibel umzugehen und das Thema entsprechend zu kommunizieren. Die offensivste Form der Einladung ist hierbei die öffentliche - am besten vollzogen durch einen an der Trauerfeier offiziell Beteiligten. Dies kann der Trauerredner sein. Sofern er dann auch selbst zum Mahl geladen ist - und der Einladung aus Termingründen folgen kann - können hierbei noch Nachwirkungen und Resonanzen der Trauerrede erfasst und ausgetauscht werden. Eine Brücke zur Trauerarbeit - und zurück ins Leben.
Ernst Cran