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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Juli 2008

Dieser Sarg würde ohne menschliche Muskelkraft versenkt werden. Die vier Träger verabschiedeten sich, nachdem sie ihn am Grab abgestellt und ihn der Obhut einer mechanischen Seilwinde übergeben hatten, die mittels einer rund um die Graböffnung befestigten metallernen Halterung angebracht worden war. Auf Knopfdruck würde sich der auf zwei breiten Bändern ruhende Sarg in die Tiefe senken. Alle Unwägbarkeiten menschlicher Achtsam- oder Unachtsamkeit und Abstimmung beim Versenkungsvorgang konnten somit ausgeschlossen und umgangen werden - die Würde der Beisetzung konnte sich im Gleichmaß und steuerbarem Tempo der Bewegung vollziehen und wahrgenommen werden.

Der Vorteil maschineller Hilfsmittel eines Begräbnisses liegt auf der Hand: Sowohl bei der Grabaushebung als auch bei der Beisetzung sparen sie Zeit und Kraft - und gewähren die Präzision justierbarer Handhabung. Besonders ein bestimmter Aspekt kommt hierbei den Wünschen vieler Angehöriger entgegen: Der Sarg kann während des Versenkens in jeder beliebigen Tiefe gestoppt werden - sei es, um ihn nicht auf in dem Grabboden angesammeltes Grundwasser platschen hören zu müssen. Sei es, um beim Abschied nicht in die gänzliche Tiefe des Grabes blicken zu müssen. Sei es, um dem Vorgang der Verabschiedung einen Hauch von Vorläufigkeit zu verleihen - wie um den Tod in der Schwebe zu halten. Die Motivationsstruktur also ist vielfältig, um sich eine solche "Teilversenkung" des Verstorbenen zu wünschen. Die Technik macht es möglich - und der letzte Blick auf den Sarg erspart sich auf diese Weise das Ende des vollzogenen Vorgangs, der Trennung und Distanz zum Ausdruck bringt. Wenig später kann dann ein schon geschlossenes und mit Blumen geschmücktes Grab besucht und besichtigt werden; eine schon geschlossene Wunde jenseits jenes klaffenden Erdspaltes, in dem der Verstorbene verschwunden war. Die Radikalität der Endlichkeit erhält so ein schonendes Mäntelchen aus gerade noch erträglichem Tiefgang und unverzichtbar scheinender Ästhetik: Blumen und Erde müssen nicht ins Grab geworfen werden, sondern können sachte und wie streichelnd auf dem Sarg hinterlegt werden.

Dieser Sarg sollte sich nur einen Meter in die Tiefe senken - die von den Angehörigen gewünschte Absenkungstiefe während des Beisetzungsvorgangs. Dass er sich dann nach wenigen Zentimetern schon - der Enge des Grabes wegen - verkantete und nahezu an der Oberfläche in dem ausgehobenen Schacht stecken blieb, fiel fast nicht auf. Schnell war der Hebel umgelegt und die Winde stoppte - menschlicher Reaktion sei Dank. Der dosierte Abschied vollzog sich nun an der Oberfläche des Grabes. Blumengrüße und Schäufelchen voller Erde türmten sich auf dem Sarg. Manche Blüte aber und mancher Erdkrumen rutschte ab und fiel von der Stirnseite des Sarges in die Tiefe. Manchmal zeigt der Abschied seine schlichte Wahrheit gerade inmitten der vermeintlichen Beherrschbarkeit seiner Umstände.

Ernst Cran

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