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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im August 2008

"Das war früher normal!" Der Kommentar des Organisten war kurz und trocken. Gemeint war die üppige Ausstattung der Trauerhalle für die anstehende Einäscherungsfeier. Gemeint waren der auffallend großflächige Blumenschmuck und die großzügige Bestückung mit Kerzen. Vier vor Blumenpracht überbordende Schalen, mächtige Kerzenständer mit einer Allee aus Licht. Ein Sargbukett, das Blumenstrahlen wie einen Lichterkranz auf den Sarg zauberte. Eine würdige und aussagekräftige Flankierung des Abschieds; wie im Festtagskleid prunkte die Halle dem Beginn der Feier entgegen.

"Das war früher normal!" Der Unterschied zwischen "früher" und "heute" scheint evident. In Zeiten reduzierter ökonomischer Potenz erhält auch eine Bestattung ein anderes Gesicht: Weniger Raumschmuck und Kerzenpracht, weniger und andere Blumen. Särge, die mehr ihrer Funktionalität als ihrer Ausstrahlung nach ausgesucht wurden. Musik aus der Konserve statt leibhaftig Musizierender. Zweifellos gibt es "billige" Bestattungen. Und es gibt die "teueren", in deren Bestückung sich Ausgabefreude und Gestaltungsvielfalt präsentieren. Nicht immer aber ist das Eine geschmackvoller oder -loser als das Andere. Zudem sind nicht immer die wirtschaftlich Stärkeren die Spendablen und die wirtschaftlich Schwächeren die Sparenden. Und schon gar nicht zeigt sich die Wertigkeit einer Trauerfeier oder Bestattung in deren Ausstattung. Wertvoll wird ein Abschied durch andere Aspekte. Abgesehen vom professionellen Verhalten aller beruflich Beteiligter, das Missklänge oder Störungen zu vermeiden hat, geht es hierbei zu allererst um die Achtsamkeit für die Einmaligkeit der Situation. Es geht um die innere Ausrichtung auf das Geschehen der Verabschiedung, das für die Betroffenen einzigartig und unwiederholbar ist. Es geht um disziplinierte und vorbereitete Präsenz bezüglich der zu erfüllenden Aufgabe: Diese nun bevorstehende Trauerfeier ist in diesem Moment die wichtigste Situation der Welt. Dieser gegangene Mensch ist in diesem Moment der wichtigste Mensch der Welt. Jedes Detail der Feier erhält seinen Wert in seiner Zuordnung auf den Verstorbenen hin. Das kann eine einzige Rose sein, die auf dem Sarg liegt. Das kann ein Strauß von 100 Rosen sein, der ihn bedeckt. Das kann ein Orgelstück sein, das die Heimeligkeit vergangener kirchlicher Vertrautheit erwachen lässt. Das kann eine CD-Einspielung sein mit der Stimme des Lieblingsinterpreten. Ob "billig" oder "teuer" - "wert-voll" wird ein Abschied durch die sorgsame Auswahl aller Elemente in Bezug auf ihre Verbundenheit mit dem Verstorbenen und den inneren Beweggründen der Hinterbliebenen.

Alle rednerischen Bestandteile einer Trauerfeier können hierfür Katalysator oder Hemmschuh sein - Wert steigernd oder Wert mindernd. Natürlich können sie dem Prunk einer aufgerüsteten Ausstattung verfallen und in verbaler Feierlichkeit erstarren. Sie können aber auch die Räume einer reduzierten äußeren Fülle nutzen und den Blick auf das Wesentliche öffnen: Die Achtsamkeit für eine letzte Begegnung im Abschied. Diese Achtsamkeit ist ansteckend Qualität schaffend. Jedes Wort gewinnt dadurch seinen Wert - und auch jeder Ton auf der Orgel fühlt sich dadurch anders an - früher wie heute.

Ernst Cran

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