Die Eltern waren fest entschlossen, den Abschied von ihrer Tochter nach ihren eigenen Maßstäben und Wünschen durchzuführen, selbst wenn sie hierfür gewohnte Abläufe und Kompetenzen durcheinander bringen und herkömmliche Vorgaben einer Trauerfeier auf den Kopf stellen mussten. Sie fanden einen Bestatter, der ihre Vorstellungen unterstützte - und sie wurden umgesetzt:
Die Trauerhalle wurde zum Begegnungsraum. In der Mitte der offen aufgebahrte Sarg des vier Monate alten Mädchens. Rings umher Blumen und Kränze. Die Trauergäste - viele junge Familien mit Kindern - waren eingeladen, sich frei im Raum zu bewegen, das Gespräch untereinander zu suchen wie auch die Nähe des Sarges. Viele der Anwesenden sahen die Kleine nun zum ersten Mal; sie hatte ihre gesamte kurze Lebenszeit in der Klinik verbracht. Im Hintergrund lief Musik mit Titeln, die den Eltern während der intensiven Begleitungszeit ihrer Tochter wichtig geworden war. Im hinteren Bereich der Trauerhalle waren zwei Tische aufgebaut: Einer für die Kinder, auf denen bunte Stifte und ein Korb weißer großer Kieselsteine platziert waren. Einer für die Erwachsenen - ebenfalls mit Stiften und Steinen sowie einem Gefäß, in das die mit Grüßen und Wünschen beschrifteten Kiesel gegeben werden konnten. Dieses Gefäß würde am Ende seinen Platz am Grab finden und die Kraft seines Inhaltes mit der Grabstätte verbinden. Eine sehr lebendige Situation im Angesicht des Todes. Abschied und Begrüßung gleichermaßen. Gemeinsame gestalterische Kraft in der Bewältigung eines extremen Geschehnisses. Die wie provokant mitten in den Ablauf hinein läutenden Glocken der Trauerkapelle - ein Zeichen des Unmutes der sich übergangen fühlenden Friedhofsangestellten? - brachten weniger Störung als ein noch zusätzliches akustisches Signal der Aufmerksamkeit.
Welche Aufgabe bleibt dem Redner angesichts einer dermaßen selbstlaufenden Eigendynamik? Er ist Moderator und "Wächter der Zeit". Er ist achtsamer Begleiter und zuständig für die formale wie inhaltliche Eröffnung und Beendigung der Situation in der Halle. Eine Rede ist in diesem Bereich des Abschieds fehl am Platz. Er ist bereits gefüllt mit dem, was jeder Anwesende durch seine Aktivität beiträgt. Eine Rede aber hat in einer solcherart gestalteten Abfolge ihren Platz am Grab. In der Phase des dortigen Innehaltens können sie die Ruhe des Augenblicks nutzen: Worte, die das würdigen, was soeben geschehen ist. Sprachliches Geleit im Rückblick des Dankes auf den Umgang mit der hier gestellten Aufgabe des Lebens. Verbales Begleiten des Geschehens der Beisetzung - gerade in Anwesenheit vieler Kinder kommt es hier darauf an, eine angstfreie und offene Begegnung mit der Situation zu ermöglichen. Am Ende soll im Herzen die Sonne scheinen und die kurze gemeinsame Zeit mit dem verstorbenen Kind als Geschenk des Lebens darin seinen Platz finden. Auf den rituellen Erdwurf wurde in diesem Zusammenhang bewusst verzichtet. Stattdessen lagen Sonnenblumen bereit, um als letzter Gruß des Lebens den kleinen Sarg am Boden des tiefen Grabes zu bedecken. Gut gemacht, liebe Eltern! Danke für den Mut und für die Konsequenz!
Ernst Cran