Von hier aus können Sie direkt zum Inhalt springen

Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Oktober 2008

Die vier Sargträger zeigten eine beeindruckende Leistung. Die Mitarbeiter der Bestatterin führten ihre Tätigkeit mit präzisen Handgriffen und durchwegs präziser Haltung aus. Der nicht verschraubte und grifflose, weil naturbelassene Sarg, wurde behände und sicher zum Grab getragen und dort abgestellt. Alle weiteren Handlungen erfolgten gut aufeinander abgestimmt und synchronisiert. Nach dem Versenken wurden die Gurte gleichmäßig abgelegt, das Sargbukett aus Sonnenblumen mittig platziert. Nach dem letzten Handgriff und einem Moment der Stille verbeugten sich alle vier in achtungsvoller Langsamkeit. Schweigend und mit gedrosseltem Tempo verließen sie das Grab; der Weg war frei für die persönliche Abschiednahme der Angehörigen.

Am Grab kommt es nicht nur auf die Worte an. Ebenso prägend ist die reibungsfreie und akzentuierte Bewältigung des logistischen Geschehens und die dabei vermittelte Haltung der Beteiligten. Zeugt diese von Achtlosigkeit oder gar Unaufmerksamkeit, kann dies die Atmosphäre dominieren und jedem Wort den Zugang in die Herzen erschweren. Fallen die beteiligten Mitarbeiter durch schlecht abgestimmtes Verhalten oder gar lautstarke Gespräche auf, erregen sie eine Aufmerksamkeit, die von der Hauptsache ablenkt. Lassen Sargträger bezüglich ihrer Kleidung und der Sorgfalt ihres Umgangs mit dem Sarg Defizite erkennen, ist dies der Würde der gesamten Situation abträglich. Das Geschehen von der Halle bis nach dem Versenken des Sarges birgt also viele Fallstricke, die den Trauernden und Abschiednehmenden den Blick auf das Hauptgeschehen erschweren können. Ärger über misslungene Aktionen am Grab kann weder gutgemacht noch rückgängig gemacht werden. Fehlverhalten von Bestattungsbediensteten - sei es optischer, verbaler oder gar alkoholbedingt geruchlicher Art - kann vieles von dem zunichte machen, was Musik und Sprache vorher aufgebaut haben. Visuelle Erinnerungen an ruppig hantierende, eigenmächtig in das Geschehen eingreifende oder achtlos abtretende Friedhofsmitarbeiter schaffen prägende Wahrnehmungen bei denen, die diesem Vorgang ausgesetzt waren. Ein Redner darf und wird solche Dinge vor Ort niemals kommentieren und ist ihnen damit gleich den Trauernden schutzlos ausgeliefert. Ein Redner kann und darf sich jedoch bei der eigenen Verabschiedung nach der vollzogenen Beisetzung bei den Angehörigen entschuldigend äußern. Damit wird zumindest signalisiert, dass etwaige unangenehme Begleiterscheinungen der Beisetzung auch deren Leiter aufgefallen waren.

In diesem Falle aber war keine Kritik, sondern Lob angebracht. Vier schwitzende Mitarbeiter entledigten sich in einem Nebenraum der Leichenhalle ihrer weißen Handschuhe und der langen schwarzen Mäntel. Die Sommermittagssonne hatte sie ordentlich ins Schwitzen gebracht. Dennoch waren sie geduldig und regungslos auf ihren Positionen geblieben - auch angesichts der rinnenden Schweißperlen. Sie hatten ihre handwerklich und konditionell schwierige Aufgabe mit Bravour bewältigt. Das Lob galt auch dem beauftragten Bestattungsunternehmen, das offensichtlich viel Wert auf Auswahl und Schulung seiner Leute legte. Ein Beleg für richtig verstandene Professionalität.

Ernst Cran

Zurück zum Seitenfanfang