"Wir stellen Sie vor vollendete Tatsachen!" Die Botschaft der Angehörigen war deutlich. Im Vorgespräch für die Beisetzung ihres Sohnes hatten die Eltern den kompletten Ablauf sowie die Inhalte bereits ausgearbeitet und legten sie nun als Ausdruck auf den Tisch - eine Rede und eine Würdigung des Lebens des Verstorbenen war darin nicht enthalten. Für einen Redner eine krasse Situation - und ein ebenso krasser Tod: Der Sohn der beiden hatte sich erschossen; seinen Abschied hatte er genauestens vorgeplant: Sein Abschiedsbrief sollte darin verlesen werden, Briefe an bestimmte Adressaten sollten während der Verlesung übergeben werden, Musik und Texte der Feier waren ausgesucht und bestimmt, der Ablauf genauestens geplant und durchstrukturiert.
Eine Beisetzung ohne Trauerrede - für den Redner Herausforderung und Fragezeichen gleichermaßen. Worin bestand seine Aufgabe, wenn nicht im Halten der Traueransprache? Auf jeden Fall war er Moderator: Die ausgewählten Texte zu lesen, den Abschiedsbrief des Toten vorzutragen, die den Ablauf begleitenden Beiträge zu sprechen - das waren Elemente der Aktivität, die vorgesehen waren. Gerade aber bei einem Suizid auf jede fragende, hinterfragende und stützende Rede zu verzichten - diese Entscheidung fordert umso mehr Achtsamkeit für jedes "zwischen den Zeilen" gesprochene Wort. Wo die Inhalte schon formuliert und vorgegeben sind - geprägt und durchdrungen von einer massiven und dauerhaften Todessehnsucht des verstorbenen jungen Mannes - kommt es entscheidend auf die Präsenz der eigenen Lebendigkeit an. Umso mehr macht "der Ton die Musik", wenn die Worte denn schon definiert sind. Wenn schon auf eine inhaltliche Botschaft verzichtet werden soll, muss umso deutlicher das wohlwollende Agieren im Sinne einer achtsamen Begleitung der Situation nach vorne kommen. Diszipliniertheit der Gestik und offensiver Blickkontakt sind hierfür hilfreiche Möglichkeiten. Mit wenigen eigenen Worten für die vorgegebenen Bestandteile der Beisetzung einen unterstützenden Kontext zu schaffen - darin liegt dann in der Reduktion die Kunst der gezielten begrifflichen Bestückung der eigenen Sätze. Unterscheiden zwischen dem, was zitiert wird, und dem, was eigene Rede ist - damit lassen sich sparsame Akzente setzen, die dennoch eine eigene Note haben.
An das Ende der Beisetzung hatten die Eltern ein gemeinsames "Vater Unser" platziert, auch wenn ihr Sohn dies so nicht vorgehabt hatte. Darin hatten sie einen eigenen Wunsch zum Ausdruck gebracht. Gerne folgten die vielen - vor allem jungen - Menschen auf dem Friedhof dieser Einladung. Gerne folgten sie auch dem Angebot, die gemeinsamen Worte mit einer Geste zu begleiten und sich während des Sprechens die Hände zu reichen. Eine Menschenkette der Verbundenheit angesichts des Verlustes. Ein Zeichen der Lebendigkeit angesichts des Todes. Eine Beerdigung ganz ohne Trauerrede - und doch ein manifestes Signal des Lebens. Der Sprachlosigkeit der Situation wurden auch ohne Rede Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet - in einer Berührung und im Erleben der Gemeinsamkeit. Manchmal sagt ein Händedruck mehr als tausend Worte ...
Ernst Cran