Das Vorbereitungsgespräch für die Beisetzung fand am offenen Sarg statt. Drei Stühle standen um den aufgebahrten Leichnam der Verstorbenen in der spartanisch eingerichteten und eben erst bezogenen Wohnung. Eine unter dem Sarg installierte mobile Kühlung machte die Situation technisch möglich - ein Gespräch über ein vergangenes Leben im Angesicht der Toten und im schummrigen Kerzenschein eines vergehenden Tages.
Dass zuhause gestorben wird, das ist schon ungewöhnlich genug. Dass ein Verstorbener dann auch noch tagelang in der Wohnung verbleibt, darf als große Ausnahme gelten. Noch einzigartiger ist es jedoch, wenn selbst die Vorbereitungen zur Trauerfeier in seiner Anwesenheit getroffen werden. Was vor Generationen allseits gepflegte Tradition war, ist heute eine fast schon begründungswürdige Rarität: Den Toten in seinem Wohnumfeld zu belassen, die Begegnung mit ihm zu suchen und so der Realität des Gestorbenseins wie auch der bleibenden Resonanz der gemeinsam verbrachten Zeit gewahr zu werden. Dem Tod einen Platz im Leben zu geben und ein „Sterbezimmer“ als Teil des gelebten Alltags zu betrachten: So bekommt der Tod ein Gesicht und wird von einem Fremdkörper zu einem Bestandteil des Seins. So erhält auch der Tote die Würdigung dessen, dass er nach wie vor dazu gehört. Gleichzeitig wird ein Zeit-Raum geschaffen, der den inneren wie äußeren Abschied ermöglicht. In der Vorstellung spiritueller Betrachtungsweisen dient dieser dazu, auch dem Toten das Sich-Entfernen aus den Bezügen der Stofflichkeit zu ermöglichen. Die „Seele“ soll ihren Weg an ihren neuen Bestimmungsort im Lösen aus der vertrauten Umgebung nehmen können. Und die Lebenden geben ihr diesen Schutzraum, bevor die Prozeduren der Bestattung beginnen. Für den Redner hat all dies die Qualität gesteigerter Nähe und Dichte. Ein Leben gewinnt umso mehr Prägnanz und Präsenz, wenn derjenige anwesend und sichtbar ist, um den es geht. Züge des Gesichtes wie auch die körperliche Beschaffenheit des Toten machen Aussagen, die jedes Wort ergänzen und kommentieren. Der persönliche Eindruck aus Schilderungen Angehöriger verstärkt sich durch die Anschaulichkeit der Leiblichkeit des Verstorbenen - ein Leben offenbart seinen Endpunkt im Anblick seiner vergehenden Körperlichkeit.
Spürbar war eine Form von Andacht und Besinnung. Spürbar war auch die besondere Achtsamkeit der Worte und der Begegnung untereinander. Die Anwesenheit der Toten strahlte aus auf den Umgang der Lebenden miteinander. Diese Achtsamkeit fand zwei Tage später und am Abend vor der Beisetzung eine neue Etappe ihrer Gestaltung: Im Geleit vieler Freunde und der Familie wurde die Verstorbene aus der Wohnung heraus verabschiedet. Ein eigener Anlass für diesen Schritt des Abschieds - die Stille als verbindendes Element zwischen persönlichen Worten einiger Anwesender an die Gegangene, und begleitende Worte des Redners als Würdigung für diese respektvolle und wertschätzende Form der Begleitung der Verstorbenen. Dem Tod in solcher Weise nahe zu kommen kann ihm die Selbstverständlichkeit geben, die er am Ende eines jeden Lebens ohnehin hat.
Ernst Cran