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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Januar 2009

Im geräumigen Wohnzimmer bullerte gemütlich der Holzofen. Bei behaglicher Wärme saßen ein gutes Dutzend Menschen zusammen. Teelichter und andere Kerzen schmückten den Raum und gaben ihm ein weiches und lebendiges Licht. Reihum ergriff fast jeder der Anwesenden das Wort und sprach je nach Befindlichkeit entweder einige wenige Sätze oder holte zu einer größeren Erzählung aus. Die Atmosphäre achtsamer Konzentrierheit und emotionaler Dichte war spürbar. Das wettertrübe Draußen trat zurück - hinter diesem wie in einer Nussschale geborgenen Akt der Gemeinsamkeit.

Was wie eine adventliche oder weihnachtliche Feier anmutete war in Wirklichkeit eine Trauerfeier. Frau und Kinder des Verstorbenen hatten die Entscheidung getroffen, ihrem Mann und Vater hier im Wohn- und Sterbehaus zu gedenken. Die engsten Angehörigen und Freunde hatten sich versammelt. Den kleinen Tisch an der Wand zierten ein Portrait des Toten und zwei kleine Wasserbehälter mit Schwimmkerzen - jeder der Gekommenen hatte eine davon entzündet und damit den Raum der Trauer ein wenig heller gemacht. Die Öffentlichkeit blieb hier außen vor; dies entsprach dem Wesen des Verstorbenen genauso wie dem Schutz- und Ruhebedürfnis seiner Familie. Diesen Bedürfnissen wurde seitens der Angehörigen wie auch von Bestatterseite selbst im Detail Rechnung getragen. Auf die Trauerfarbe schwarz durfte verzichtet werden, Musik war nach ihrem textlichen Symbolgehalt für den Anlass und das Leben des Gegangenen ausgewählt worden und rahmte die Situation. Die Trauerrede konnte in einem privaten plaudernden Ton gehalten werden - wie im Gespräch unter Freunden. So wurde eine Linie gefunden, die sich in vielen Aspekten von Üblichkeiten abhob, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: Der Dramatik des Geschehenen eine stützende und bergende Energie zu verleihen, dem Geschehen des Abschieds eine würdevolle Struktur und authentische Inhalte zu ermöglichen. Ein solcherart vollzogener Rückzug ins Private ist erlaubt, denn er schöpft seine Dynamik aus Impulsen, die dem inneren Abschiedsweg äußeren Ausdruck verleihen. Dies ist weder eine Flucht noch eine Verweigerung - eher schon die Aufnahme alter Traditionen, die dem Tod im Lebensumfeld noch einen Platz einräumten. Das Sterbe- und Trauerhaus darf auch zum Ort des gestalteten Abschieds werden. Selbst wenn der Tote dabei nicht leibhaftig anwesend ist schafft die Umgebung seines Lebensvollzugs doch eine augenscheinliche Nähe zu den Spuren seines Seins.

Als alle gesprochen hatten und das letzte Musikstück verklungen war erhob man sich und schritt hinaus auf die Terrasse. Dort warteten Kaffee und Kuchen und die Gelegenheit zum gemeinsamem Essen und Trinken. Mehr als ein Kaffeekränzchen - vielmehr eine Stärkung nach der miteinander vollzogenen Bewegung durch die Intensität der Situation. Das Trauerhaus füllte sich mit Leben. Als es schon dämmerte, brannten die Teelichter immer noch. Kleine leuchtende Punkte gaben eine Ahnung von der Kraft des Lebens - auch im Angesicht seiner Endlichkeit. Kleine Signale der Helle - entzündet von Menschen, die ihren Schmerz mit dem ihnen gemäßen Gewand umgaben. Nicht nur Kerzen schaffen Licht. Auch die Erinnerung an ein solches Geschehen gibt dem Abschied einen Glanzpunkt der Lebendigkeit.

Ernst Cran

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