"Erhalte ich Ihre Rede vorab?" Die E-Mail war um 23:01 Uhr geschrieben worden. Sie wurde am nächsten Morgen um 9:40 Uhr abgeholt - wenige Stunden vor Beginn der betreffenden Trauerfeier. Das Anliegen warf Fragen auf: Ging es dabei um die Überprüfung von Fakten oder Zahlen? Die waren allesamt besprochen worden und lagen schriftlich vor. Ging es um die Einschätzung der Sprachgestalt der Rede? Redner und Angehöriger kannten sich bereits von einem anderen Sterbefall her - man wusste also doch, worauf man sich "einließ"! Waren am Ende gar noch Änderungswünsche zu erwarten? Wie sollten die in der kurzen Zeit bis zur Beisetzung bewerkstelligt werden, zumal ein weiterer Mailkontakt schon aus Zeitgründen gar nicht mehr möglich war?
Zuweilen wird von Angehörigen der Wunsch geäußert, den Text der Trauerrede schon vorab zu kennen. Der Redner hat diesem Wunsch immer zu entsprechen - bei schriftlich ausgearbeiteten Reden ist dies auch problemlos möglich. Uneinschätzbar jedoch ist der Umgang von Angehörigen mit dem dann zur Verfügung stehenden Text. In jedem Fall steht wohl ein Sicherheitsbedürfnis hinter dem Wunsch, sich davon nicht überraschen lassen zu wollen, sondern ihn vorab schon bei sich zu haben. So ist es zwar möglich, alle Daten noch einmal gegenzulesen und mögliche - und ja auch faktisch vorkommende - Fehler in Angaben und/oder Zeiten noch zu korrigieren. Schwieriger wird die Sachlage dann, wenn ganze Inhalte kurzfristig noch aus der Rede getilgt oder hinzugefügt werden sollen; unter Umständen gerät das rhetorische Gleichgewicht und die Balance der Abschnitte damit aus den Fugen. Vollends problematisch wird es, wenn Angehörige sich bemüßigt fühlen, sprachgestaltend in den Redetext einzugreifen und etwa Formulierungen zu verändern und stilistische Mittel oder gar poetisch-lyrische Wendungen zu verändern oder zu eliminieren. Hier wird die sprachlich-künstlerische Freiheit des Textschreibers berührt, die dann zuweilen der wie mit dem Korrekturrotstift markierten Un-Verschämtheit selbst ernannter sprachlicher Besserwisser ausgeliefert ist. In diesem Bereich wird zweifellos die Grenze dessen erreicht, wo das Gelingen der gemeinsam zu bewältigenden Aufgabe auf dem Spiel steht. Immer aber hat der Redner den Respekt vor der Empfindungswelt des Angehörigen zu bewahren - im äußersten Fall hat er den Auftrag dann zurückzugeben und/oder einen Kollegen zu empfehlen. Der Angehörige wiederum beraubt sich durch eine solche vorweggenommene Begegnung mit dem Text der unmittelbaren Wahrnehmung der Worte im Zusammenhang der Trauerfeier. Das Berührtwerden durch Sprache, die der Situation einen aktuell authentischen Charakter verleihen kann, weicht einem inneren Abnicken von schon Bekanntem. Ein hoher Preis für ein Quantum Sicherheit und Kontrolle.
"Ich hoffe, ich habe die richtigen Worte dabei!" Die Begrüßungsworte mit dem Angehörigen fanden erst wenige Minuten vor der Trauerfeier statt. Die Antwort war zustimmend knapp: "Ich denke schon. Ich habe den Text nur ganz kurz überflogen." Gut, dass vorab jeder Impuls unterlassen worden war, seine Anfrage sowohl logistisch als auch emotional hochzuspielen. Gut, dass das eigene Vertrauen in die Stimmigkeit und Präzision des Textes das beunruhigte Gegenüber offenbar alleine schon durch die Zurverfügungstellung der Rede überzeugt hatte
Ernst Cran