Die Grußrednerin hatte sich für ihre Abschiedsworte im Namen des Vereins einen außergewöhnlichen Platz gesucht: Nicht an das Rednerpult stellte sie sich, sondern direkt neben den Sarg, inmitten der achtsam gestalteten und mit niedrigen wie hohen Kerzenständern bestückten Dekoration. Von diesem Ort aus suchte sie sogar die Berührung und legte ihre eine Hand auf den Sarg, während sie für die verstorbene Vereinskameradin Worte des Dankes und der Anerkennung fand. Augenscheinlich gemachte Verbundenheit ohne Berührungsangst im Angesicht des Todes.
Die Nähe zum Verstorbenen ist auch für den Redner die wesentliche Basis seines Tuns. Sie zu schaffen und wahrzunehmen gibt allen Worten erst ihre Glaubwürdigkeit und Intensität. Sie herzustellen ist die Aufgabe aller Vorbereitung und Recherche. Dies beginnt im Idealfall mit einer Begegnung zu Lebzeiten - wenn etwa aufgrund einer Vorsorgevereinbarung auch schon ein Gespräch mit dem Trauerredner gewünscht wird. In jedem Fall aber ist ein persönlicher Austausch mit einem oder mehreren nahe stehenden Menschen eine ergiebige Quelle für das eigene Bild vom Verstorbenen. Hilfreich und aussagekräftig sind ein oder mehrere Fotos aus mitunter verschiedenen Lebensepochen. Wesentlich ist es, das Gespräch möglichst im Lebensumfeld des Verstorbenen zu führen, um auch aus der Wohnumgebung und -gestaltung Eindrücke für Lebensgefühl und Lebensprioritäten des Toten zu erhalten. Jedes ausgetauschte Wort und jede Information aber gewinnt ihre Tiefe erst durch das Maß des Vertrauens und der Offenheit, welches im Gespräch mit dem Redner entsteht. Nur bei einer wahrhaftigen und offensiven Schilderung des Wesens und Lebensweges kann sich ein Wahrnehmungsteppich bilden, der auch für die Rede tragfähig ist. Am Redner ist es dann, im Sinne einer nachvollziehbaren und kurzweiligen Präsentation Wesentliches von Beiläufigem zu trennen - und in allem den Kontakt mit der verstorbenen Person als roten Faden des Hörens zu ermöglichen. Dies erfordert die eigene Hingabe an die Begegnung mit einem Menschen, der nie ein Teil des eigenen Lebens war - es nun aber geworden ist. Dies bedingt die innere Offenheit, auch befremdliche oder verstörende Aspekte des Wesens oder Lebensweges des Toten hinzunehmen - ohne sie zu werten oder zu verbiegen. Womöglich braucht es dazu sogar jene Energie des unbedingten Wohlwollens, der die Sprache der Poesie den Begriff "Liebe" zuordnet. Das Leben eines jeden Toten, das dem Redner offenbart und erläutert wird, ist ein Geschenk und ein Lernfeld. Wenn er seine Aufgabe ernst nimmt und erfüllt, wird er die darin empfundene und gewonnene Begegnung auch im Reden - inhaltlich wie der Haltung nach - zum Ausdruck bringen.
Wie selbstvergessen ergab sich die Grußrednerin ihren flammenden Abschiedsworten für die Verstorbene. Ohne es zu bemerken geriet sie dabei mit dem Rücken und der Schulter in gefährliche Nähe und Berührung zu einem der mit mehreren Kerzen bestückten großen Ständer. Deren Flammen züngelten in bedrohlich kurzem Abstand zu ihren Haaren und ihrem Jackett. Die Hand immer noch am Sarg kam sie so in ernsthafte potentielle Gefahr - womöglich dem eigenen Tod näher als dem Sarg ihrer Freundin. Sie beendete ihr Reden, ohne sich dessen bewusst geworden zu sein - und hatte auf diese Weise ohne es zu ahnen Großes gewagt, obgleich sie doch nur eine kleine Geste der Nähe im Sinne hatte.
Ernst Cran