Mächtig dröhnte es aus den eigens aufgestellten Lautsprecherboxen durch die kleine Friedhofskapelle. Genau dieses Lied musste es sein - es war für den Verstorbenen die Verkörperung seines Lebensgefühles und seiner Lebensenergie. Genau dieses Lied aber barg im Rahmen einer Trauerfeier erhebliche musikalische und textliche Unwuchten. Das sakrale Ambiente wurde von scheinbar doch sehr gottlosen Worten beschallt: "Sympathy for the devil" röhrten die "Rolling Stones" von der Empore auf die Trauergäste herab.
Ein Redner hat sich jeder musikalischen Herausforderung zu stellen, die Angehörige ihrem Verstorbenen als Element der Trauerfeier und des Abschieds mit auf den Weg geben wollen. Gut ist er beraten, wenn er sich außerdeutsche Texte hierfür vorab als Übersetzung besorgt und sie achtsam in den Ablauf der Feier einarbeitet. Klugerweise kann er Textpassagen, die besonders inhaltsstark oder problematisch sind, als Zitat oder Textauszug der Rede voranstellen und/oder sie dem Musikbeitrag moderierend hinzugeben. Jenseits aller dramaturgischen Ebenen aber bleibt die inhaltliche Aufgabenstellung: Der Beitrag, den ein Musikstück zur Situation leisten kann, soll in seiner Eigenart möglich sein, der Bezug zum Leben des Verstorbenen soll wahrhaftig und markant deutlich werden - aber auch das Eingebundensein in die besonders empfindsame Situation des Abschieds braucht die intellektuelle Achtsamkeit in der Vorbereitung wie im Vortrag. Dem Theologen stellt sich hierbei die extremste aller Fragen: Darf der "Teufel" einen Platz im "Haus Gottes" haben? Darf die Symbolfigur des Bösen Raum einnehmen, wenn es um das Leid des Verlustes geht? Theologisch fundiert recherchiert findet selbst dieser inhaltliche Extremfall einen gangbaren und hilfreichen Umgang. Dem Konsens abendländischer Theologie gemäß nämlich ist der "Teufel" nichts anderes als ein Geschöpf unter Geschöpfen - wie alle anderen also eingebunden in jene wohlwollende schöpferische Macht, die mit dem Begriff "Gott" belegt ist. Damit erübrigt sich jede Angst und Sorge vor einem Ausgeliefertsein an zwei dualistische Machtprinzipien, die ihr Machtspiel unter sich austragen und die Menschheit wie als Siegerpreis umkämpfen. Damit erübrigt sich auch jedes Zaudern im Umgang mit problematischen Texten, die auf den ersten Blick dem Bösen huldigen, sich genauer betrachtet aber als Widerhall menschlicher Verzweiflung an den Defiziten des Daseins entpuppen. Wenn selbst der Teufel also ein Geschöpf ist - dann dürfen auch menschliche Geschöpfe das zum Ausdruck bringen, was an Lebensresonanz in ihnen entstanden ist, und sei es mit den brachialen Stilmitteln des Rock’n’Roll. Am Ende hat die Liebe das letzte Wort - das ist Grundtenor aller Theologie!
Das letzte Wort hatte die Liebe auch in dieser Trauerfeier: Als die Bestatterin den Sarg aus der Halle zum Wagen schieben wollte, verhakte sich ein Rad des Sargwagens an einer vom Bukett herabgefallenen roten Rose. Die Blume der Liebe bremste den Weg des Todes - und stoppte den Abschiedsweg für einen Moment. Wie ein Augenzwinkern des Lebens im Angesicht eben überstandenen Schmerzes. Wie ein Abschiedsgruß des Verstorbenen, bevor sich die Türen des Abschieds öffneten - nicht in die Hölle, sondern lediglich in den Raum hinter der uns wahrnehmbaren Realität.
Ernst Cran