Der Bestatterwagen mit dem eben eingeladenen Sarg setzte sich langsam vom Vorplatz der Kirche aus in Bewegung. Die Vorhänge an Heck- und Seitenfenstern der Limousine blieben geöffnet, die Blicke der Abschiednehmenden konnten auf dem sich entfernenden Sarg verweilen. Unmittelbar am Ausgang des Kirchenareals wartete der fließende Verkehr einer vierspurigen Straße - und wenige Meter weiter eine viel befahrene Kreuzung. In den Strom vorbeifahrender Autos hatte sich das Fahrzeug einzuschleusen und einzuordnen. Der Verkehr eines geschäftigen Samstag Nachmittags bildete die letzte Kulisse des Abschieds von der Verstorbenen.
Die Konfrontation von Leben und Tod ist das elementare Thema jeder Trauersituation. Diese beiden Pole des Daseins prallen in einer Trauerfeier aufeinander. Diese Begegnung geschieht auf vielen Ebenen und in unterschiedlichen Intensitäten. Sie zu "über-leben" und in der Wahrnehmung des Todes der eigenen Lebendigkeit gewahr zu bleiben ist Kenzeichen einer gelingenden Gestaltung eines Abschieds. Leben und Tod in ihrer Widersprüchlichkeit zueinander zu bringen - der Redner vollzieht dies alleine schon durch die Tatsache, dass er von einem Toten spricht. Leben und Tod in ihrer Gleichzeitigkeit auszuhalten - die Gegenwart eines Leichnams inmitten lebender Menschen macht es möglich: Sich dem Sarg nähern, vielleicht mit einem Blumengruß. Vor Beginn der Feier am offenen Sarg verweilen, mit einem letzten Blick in das Antlitz des Verstorbenen. Während der Feier die augenscheinliche Wahrnehmung der Vergänglichkeit zulassen, und auch die Wahrnehmung der Lebendigkeit jedes gesprochenen Wortes, jeder Interaktion mit anderen. Leben und Tod in derselben Sekunde zu realisieren - dies kann zwei Blickrichtungen gewinnen: Den Blick auf den Tod eines Anderen und auf meine eigene Lebendigkeit. Und: Den Blick auf all die Lebenden um mich herum und auf meinen eigenen Tod als Gewissheit meiner Zukunft. In diesem Kaleidoskop der Ungereimtheiten vollzieht sich die Linie des Lebewohls. In diesem Labyrinth von Gegensätzen verbirgt sich die Gelegenheit, des Paradoxons des Daseins habhaft zu werden und sich daraus eine Erkenntnis schenken zu lassen.
Manchmal schafft ein einziger Augenblick diese Erkenntnis - beispielsweise die Kuriosität der Normalität im Straßenverkehr: Der Bestatterwagen samt seinem sichtbaren Inhalt stand in einer der beiden geradeaus führenden Fahrspuren an der Kreuzung - und die Ampel stand auf Rot. Der Tod eingekeilt im wartenden Leben. Der Tod ausgebremst von der Schaltautomatik der Verkehrsregelung. Lange Sekunden - die wartenden Abschiednehmenden verharrten wie in Atemlosigkeit. Dann erst das erlösende Grün: Der Verkehr rollte weiter, das Leben ging weiter seinen Gang. Und der Tod mittendrin - wie ein Fremdkörper, und doch ein Bestandteil des Ganzen. Wie ein Unikat - versinnbildlicht durch die ungewöhnliche Fracht dieser Limousine, und gleichzeitig ein Blick in die je eigene Zukunft. Der Tod wie ein Geisterfahrer mitten im Leben. Und das Leben wie der Geleitschutz dieser Verstorbenen. Vielleicht ist es ja wirklich so einfach: Sich den Fahrspuren des Lebens anvertrauen, bis eine davon in Richtung Abschied zeigt. Jedes "Grün" der Lebensampel als Einladung annehmen, bis dieses eine "Rot" mir selbst gilt.
Ernst Cran