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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Juni 2009

Der Ort für die Trauerfeier war so ungewöhnlich wie lebendig: Die Trauergäste versammelten sich im Nebenzimmer einer Gaststätte, um von ihrem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Der Tote war durch ein geschmücktes Foto an einem der Tische präsent, die Anwesenden nahmen ringsum an den Tischreihen Platz. Bei leiser Unterhaltung harrte man des Beginns der Feierstunde. Derweil wurden - der Örtlichkeit gemäß und mit den engsten Angehörigen so abgesprochen - Getränke bestellt und serviert.

Was braucht ein Platz, das ihn als Ort für eine Abschiednahme auszeichnet? Als Erstes sicherlich die Möglichkeit, sich dort für eine Zeitlang ohne größere Unbequemlichkeit aufhalten zu können. Des Weiteren ein gewisses Maß an Abgeschiedenheit und Abgrenzung zu seiner Umgebung, um sich möglichst störungsfrei der Aufgabe der Situation stellen zu können. Ein öffentliches Umfeld ist hierbei in der Regel hilfreich, weil unterstützend - und in der Anteilnahme Vieler ein Indiz des solidarischen Tragens eines Verlustes. Bisweilen aber kann auch die geschützte Rückzugsmöglichkeit von Leidtragenden im Vordergrund stehen - sei es um deren begrenzter Kräfte willen oder ob der besonderen Umstände des Todesfalles. In diesem Fall kommt es dann darauf an, möglichst wenig Kontakt seitens der Umgebung zuzulassen - "in aller Stille" Abschied zu nehmen, das ist an jedem Ort eine Option. Die Stätte des Abschieds braucht zwingend weder religiöse Duftmarken noch spezielle stilistische Attribute, um "abschiedstauglich" zu sein; all das kann mobil und zweckdefiniert angebracht werden. Ein Punkt allerdings hat aus Sicht des Redners eine wichtige Priorität: Die akustischen Verhältnisse vor Ort müssen kommunikationstechnisch die Voraussetzungen der Verstehbarkeit der Rede und der Erreichbarkeit der Hörenden erfüllen; eine Rede will gehört werden - ganz egal, wo sie gehalten wird. Von all diesen Merkmalen aber ist womöglich eines das wertvollste und wohl auch seltenste: Ein originaler Bezug des Abschiedsortes zum Verstorbenen, eine Verbindung zwischen dem gewesenen und nun vergangenen Leben und der Stelle, an der seiner gedacht wird. Dies ist natürlich im privaten Umfeld eines Toten gegeben - im Wohnzimmer etwa, oder an einem Platz, der in seinem Leben eine herausragende Bedeutung hatte. Lässt sich ein solcher Platz finden - und erfüllt er dazu auch noch jene Kriterien, die ihn als Versammlungsort klassifizieren können, so hat eine Abschiedssituation - selbst wenn sie aus rechtlichen Gründen ohne den Leichnam stattfinden muss - die Qualität eines unmittelbaren Bezuges zu gezogenen Lebenslinien eines Verstorbenen.

Diese Linien waren hier augenscheinlich gegeben: Jene Gaststätte nämlich war ein Lieblingsaufenthaltsort des Toten. Oft hatte er hier gesessen, geplaudert und getrunken. Hier war ein Zentrum seiner Lebensqualität und seines Lebensgenusses. Diesen Aspekt seines Wesens hatten seine Angehörigen aufgenommen und die Trauernden deshalb hierher eingeladen. Die Abschiedsfeier sollte bruchlos in den "Leichenschmaus" übergehen. Genauso geschah es: Nachdem das letzte Musikstück verklungen war - der Sarg mit dem Leichnam wartete längst im Krematorium auf seine Einäscherung - wurden der Gemütlichkeit und der Bequemlichkeit wegen, und völlig im Einklang mit geltendem Recht, auf den Tischen die Aschenbecher platzier...

Ernst Cran

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