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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Juli 2009

Das Kompliment des Trauergastes war ehrlich und spontan. Er sprach es aus, nachdem fast alle Teilnehmer der Trauerfeier die Halle verlassen hatten und schon allgemeiner Aufbruch herrschte. Er sprach es aus - als Resonanz auf das eben Erlebte und als Wunsch für den Redner zugleich: "Die Trauerrede war großartig. Sie hätten Pfarrer werden sollen!"

Die Qualität einer Trauerrede hängt gewiss nicht vom Berufsstand des Redners ab. Sie rekrutiert sich weder aus akademischen Weihen noch aus intellektuellen Finessen. Sie braucht weder die Legitimation durch eine Organisation noch eine festgelegte sprachliche Ebene aus ideologisch kompatiblem Sprachschatz wie liturgischen Formeln. All das, was man von priesterlicher und pastoraler Kompetenz erwarten kann, kann sich auch ohne diesen Berufsstand vollziehen. All das, worin "Kirche" die vornehmsten und exklusiven Kompetenzen ihrer Amtsträger sieht, findet den Weg zu den Menschen hin auch schlicht im alltäglichen Gewand menschlicher Primärtugenden: Zuhören können, achtsam auf Details achten, die eigene Wortwahl dem Gegenüber verständlich sortieren, einen gemeinsamen Erkundungs- und Lernpfad zulassen, um die gestellte Aufgabe präzise zu fassen und mutig wie kreativ zu bewältigen. An einem Tisch sitzen und auf gleicher Ebene wie Augenhöhe sich dem Geschehenen stellen. Das eigene Menschsein mit an den Tisch bringen, sinnlich anwesend sein. Natürlich darf auch beim Trauergespräch miteinander gelacht werden. Natürlich darf man miteinander trinken und essen, während es um den Tod geht. Man darf - man muss nicht. Doch die Erlaubnis dazu, die Freiheit des Inneren - sie macht das Vorgespräch wie auch die Feier zu einem menschlichen Ereignis. Sie gibt der durch den Tod geschaffenen Begegnung der Lebenden die schützende Gewissheit bleibender Lebendigkeit - auch im Angesicht des Todes. Um so zu agieren, muss man nicht Pfarrer sein. Es genügt, sein eigenes Menschsein ernst- und wahrzunehmen, ohne es hinter einem Amts- oder Standesdünkel zu verstecken.

Das Kompliment jenes Trauergastes war also berufsbezogen gewiss ein Missverständnis. Etwas, das man hinter sich gelassen hat, kann niemals zum neuen Ziel des Horizonts werden. Inhaltlich aber hatte der Mann natürlich Recht. Er hatte in der Trauerfeier etwas empfunden, was er sich auch von den institutionellen Kanzelrednern erhoffte: Klarheit, Wahrhaftigkeit, Leidenschaft und ernst gemeinte Begleitung vielleicht. Offensiver Umgang mit der Situation, wertfreie Darstellung eines Lebens, Einbeziehung aller Elemente der Feier in einen "roten Faden" der Stimmigkeit und Bezogenheit aufeinander womöglich. Solche Qualität darf auch zur Messlatte auf jeder Kanzel werden. Und doch geschieht sie offenbar gerade da, wo weder Talar noch Weihrauch den Blick auf die Wirklichkeit vernebeln und die Begegnung miteinander verschleiern. In diesem Sinne hatte auch jene alte Frau Recht, die nach einer Trauerfeier auf einem Landfriedhof den schon auf dem Weg zum Auto befindlichen Redner noch einmal stoppte, um mit den in ihrer Kategorie passenden Worten ihre Huld für das in ihren Augen trostvolle und stärkende Geschehen in der Kapelle zum Ausdruck zu bringen: "Schön ham' Si's g'macht, Herr Pfarrer!"

Ernst Cran

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