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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im August 2009

Aus dem Sarg mit dem Leib des Verstorbenen war eine Urne mit seiner Asche geworden, aus der großen Trauerversammlung der Abschiedsfeier eine kleine Gruppe. Der Ort war derselbe: Man traf sich in jener Halle, in der einige Wochen vorher die Trauerfeier miteinander erlebt wurde. Nun rüstete man sich zum letzten Weg mit dem Verstorbenen. Damals wie auch heute hatte der Redner die Aufgabe, die Situation angemessen verbal und moderierend zu begleiten.

Was unterscheidet eine Trauerfeier von einer Urnenbeisetzung? Beide Anlässe haben mit demselben Sterbefall zu tun, beide sind Stationen auf dem Weg des Abschieds und liegen auf der zeitlichen Achse seiner Bewältigung. Für den Redner aber unterscheiden sie sich in prägnanter Weise. Diesen Unterschied wahrzunehmen und ihm Ausdruck zu verleihen ist eine wesentliche Basis für die gelingende Gestaltung beider Situationen: Die Trauerfeier nimmt den Verstorbenen in den Blick, sein Wesen und sein Leben. Sie gibt der Würdigung für seinen vollbrachten Lebensweg Raum und bringt die mit ihm erlebten Gelegenheiten der Lebendigkeit zur Sprache. So schafft sie eine Wahrnehmung des Wertes der miteinander gestalteten Zeit und hilft auf diese Weise, der Leere des Verlustes eine Brücke des Dankes zu schlagen. Präzise und wahrhaftige Darstellungen des Lebensweges und des menschlichen Profils eines Verstorbenen sind hierfür tragende Faktoren und Bausteine. Erkennbarkeit und lebensnahe Schilderung bilden essentielle Ebenen allen Redens. Dieser Fokus auf den verstorbenen Menschen aber findet auf dem zeitlichen Weg bis zur Beisetzung der Urne einen anderen Schwerpunkt: Den des Abschieds an sich. Jenseits der schon überstandenen inneren Unwuchten nach dem Todeszeitpunkt und nach dem dann durchwanderten Zeitfenster des emotionalen "Niemandslandes" bis zur Beisetzung der Urne steht nun ein gemeinsam zu bewältigender neuer Schritt des Abschieds an. In diesem darf Bezug genommen werden auf das in der Trauerfeier Gesagte, ohne in eine bloße Wiederholung der Inhalte abzugleiten. Vor allem aber darf die Achtsamkeit auf das letzte Geleit bis zum Platz der letzten Ruhe gelegt werden. Im Unterschied zu einer Erdbestattung wird hier in zeitlicher Streckung etwas vollzogen, was den Sinnen Halt geben kann: Jemanden zur letzten Ruhe zu betten und sich dann von diesem Platz zu entfernen. Jemanden am Ort des Todes niederzulegen, um dann wieder die Spur des Lebens zu finden. Womöglich nämlich besteht gerade darin das Wesen des Abschieds: Loslassen - und sich in einer sinnlich wahrnehmbaren Bewegung wieder dem Leben nähern. In das offene Grab blicken - und dann den Blick wieder heben und den Schritten eine neue Richtung geben.

Konfessionelle Beisetzungen schließen für gewöhnlich mit dem Wunsch nach einem Wiedersehen im Bereich der "Auferstehung der Toten". Dass diese Option nur für wenige nachvollziehbar ist, liegt auf der Hand. Vor der Auferstehung im Jenseits aber liegen die Wege des Lebens im Diesseits. Darauf darf sich der Blick richten, sobald der Friedhof verlassen wurde. Formelhaft können dies auch die Schlussworte einer Urnenbeisetzung zum Ausdruck bringen: "Möge Ihnen allen der Abschied von dem Verstorbenen gelingen - und auch der Rückweg ins Leben!"

Ernst Cran

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