"Dass Sie mich am Telefon nach einem Foto von meiner Mutter gefragt haben hat mir gezeigt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe!" Gleich zu Beginn des Trauergespräches legte die Angehörige die Karten auf den Tisch: Schon während der telefonischen Verabredung für diesen Termin hatte obige Frage des Redners sie darin bestärkt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Dass ein Foto von ihrer Mutter für den Redner wesentlich war vermittelte ihr das Gefühl, die Verstorbene würde in der Vorbereitung und Ausarbeitung der Trauerrede als Mensch und Persönlichkeit wahrgenommen und gewürdigt. Dass ihr Gesicht auch während des Gespräches präsent sein sollte war ihr ein Indiz dessen, dass ihre verstorbene Mutter als Person der Mittelpunkt der Gedanken war.
In der Tat ist ein Foto eines Verstorbenen ein wesentlicher Baustein einer anspruchsvollen Vorbereitung auf eine Trauerfeier: Ein Gesicht zeigt - ganz gleich, aus welcher Lebensphase ein Bild stammt - Eindrücke und Ausdrücke eines Lebens. Es vermittelt Momente und Situationen, in denen der verstorbene Mensch sich befunden hat. Ein Blick auf die Konturen der Gesichtslinien, in die Botschaft der Augen, auf die Spuren, die das Leben auch in jeder Falte gezogen hat - all das spricht Bände ohne Worte, gibt Auskunft ohne Fragen. Ob ein Passfoto, ein Hochzeitsbild, eine Aufnahme aus dem Urlaub - ob "letzte Bilder" vom Krankenlager, Dokumentationen von Familienfeiern oder aus dem beruflichen Umfeld: Ein Name bekommt durch ein Bild ein Gesicht, ein Mensch und ein Lebensweg erhalten durch die "Bebilderung" Farben und Format. Zuweilen suchen sich Angehörige für das Trauergespräch sehr bewusst ein ganz bestimmtes Foto ihres Verstorbenen aus - oft wird dieses dann auch als Vorlage für die "Sterbebildchen" oder zur Aufstellung am Sarg verwendet. Oder sie legen gleich ganze Alben auf den Tisch - und finden im Blättern darin wesentliche Signale und Elemente der vergangenen Lebensstrecke wieder. In jedem Fall hat der Redner in der optischen Anwesenheit des Verstorbenen auch einen emotionalen Schlüssel für den Kontakt zu den Angehörigen: Im Angesicht des Toten - manchmal gar mit einer brennenden Kerze auf dem Tisch drappiert - findet das Innere ganz sicher andere Worte als im bloß abstrakten Nachdenken über ihn.
So gut wie immer wird die Bitte des Redners positiv beschieden, sich zur häuslichen Vorbereitung und bis zur Trauerfeier ein Foto des Verstorbenen ausleihen zu dürfen. "Wozu brauchen Sie das denn?" Diese Frage findet ihre Antwort daheim auf dem Schreibtisch und vor dem PC: Die im Trauergespräch gemachten Notizen und das daneben liegende Foto entfachen im Zusammenspiel von Wort und Bild einen kreativen Dialog von Gesicht und Geschichten, von Lebenslinien und Gesichtszügen. Jeder formulierte Satz findet seine Überprüfung im darauf abgebildeten Blick oder in der dargestellten Körperhaltung. So entsteht eine Vertrautheit in der sich annähernden Bewegung der Sprache an ein gelebtes Leben. Durch diese erspürte Nähe gewinnt die Rede dann Präzision und Stimmigkeit. Auch wenn jedwede Worte nur eine Strichzeichnung statt ein Ölgemälde kreieren können - am Ende zählt das, was die Zuhörer wahrnehmen: "Man könnte meinen, Sie wären ein guter Freund der Verstorbenen gewesen!"
Ernst Cran