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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Oktober 2009

Der Trauergast nahm sich nach erfolgter Beisetzung den Redner zur Seite. Er hatte - offenbar ein entfernter Angehöriger des Verstorbenen - eine sehr eigene Wahrnehmung von dem Geschehen, und diese teilte er energievoll mit: "In Ihrer Rede habe ich keinerlei Trost gefunden. Wenn nach dem Tod alles aus ist, könnte man ja gleich alle Kirchen abreißen. Immerhin aber haben Sie am Grab ja das Vater Unser gesprochen - das war Ihnen offenbar ein persönliches Bedürfnis!"

Was haben persönliche Vorlieben und Bedürfnisse eines Redners in der Gestaltung und den Inhalten einer Beerdigung zu suchen? Darauf gibt es zwei unterschiedliche Antworten: Gar nichts - wenn es um die wahrhaftige und authentische Darstellung und Ausmalung des biografischen und weltanschaulichen Hintergrundes eines Verstorbenen und seines Umfeldes geht. Gar nichts - wenn es um das Vorhandensein oder Fehlen religiöser oder spiritueller Bezüge im Lebensgefühl der Betroffenen geht. Gar nichts - wenn es um die Achtsamkeit auf das Profil gelebter Lebens- und Denklinien und deren Würdigung geht. Hier ist der Redner und sein Tun Spiegel und Resonanzfläche für ein vollbrachtes Lebensvolumen, dem er Klang und Sprache zu verleihen hat. Hier bieten die Worte und der Duktus einer Rede "Anhalts-Punkte" im wahren Sinne des Begriffes für die vom Tod getroffenen Gefühle und Empfindungen der Abschiednehmenden. Diesem "heiligen Bezirk" der Trauergemeinschaft hat der Redner als Außenstehender mit respektvoller Distanz zu eigenen Interpretationen oder gar Belehrungen zu begegnen. Anders aber lautet die Antwort auf die gestellte Frage im Blick auf das emotionale Engagement und das Zur-Verfügungstellen eigener Talente und Leidenschaft: Hier ist der Redner zur vorbehaltlosen Öffnung seiner handwerklichen und intuitiven Ressourcen angehalten. Hier kann und muss der Redner die eigene Melodie, den eigenen Klang zum Tönen bringen. Hier gilt es, der Einmaligkeit der Situation mit der Unverwechselbarkeit der eigenen Mittel zu begegnen. Ob Wortwahl oder Zitatenfundus, ob Sprachebene oder Redetempo, ob Auftreten oder stimmliche Präsenz - alle Ebenen des Agierens und Gestaltens dürfen und müssen die Handschrift und das Profil des Agierenden tragen. So gewinnen Inhalte wie Ausführung Prägnanz und Kontur. So erhalten Rede wie Struktur Unikatscharakter. Niemals ist der Redner hierbei Missionar in eigenen oder gar ideologischen Diensten - immer ist er Diener der Situation und der betroffenen Menschen. Zuweilen wird das Ergebnis gewohnten und vertrauten Formen und Inhalten des Abschieds gleichen - manches Mal wird es sich fundamental davon entfernen und unterscheiden. Immer aber ist dem Kontext die letzte detaillierte Achtsamkeit geschuldet - und wenn sie in einem Vater Unser am Grab besteht.

Die Witwe hatte den kurzen Wortwechsel am Rande bemerkt und mitverfolgt. Der Trauergast war ihr durchaus bekannt - und seine Einstellung auch. Seinem Einwand begegnete sie im Abschiedsgruß an den Redner mit einer deutlichen verbalen Bewertung - und gab darin auch ihre eigene Präferenz bezüglich der Ortung empfundener Inhalte in Rede wie Gestaltung der Beisetzung Ausdruck: "Der immer mit seinem frommen Schmarr'n!"

Ernst Cran

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