Von hier aus können Sie direkt zum Inhalt springen

Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im November 2009

Dem Bestatter war der Kragen geplatzt - genauer gesagt: Die Hose. Deren Gesäßnaht hatte schon vor Beginn der Trauerfeier einer allzu heftigen oder ausladenden Bewegung nachgegeben und sich dem Übermaß der entstandenen Spannung gebeugt. Für ihren Träger bedeutete dieses textilerne Malheur eine massive Einschränkung seiner Beweglichkeit. Solchermaßen gehandicapt durfte er sich im wahren Sinne des Wortes "keine Blöße geben" und war auf die flankierende Unterstützung Anderer angewiesen. Der Redner war ihm hierbei gerne behilflich.

Von einer gelingenden Zusammenarbeit zwischen Bestatter und Redner lebt das Gelingen einer Trauerfeier oder Beisetzung. Beginnend mit der Herstellung des Kontaktes zu den Angehörigen, weitergehend mit der Übermittlung der wichtigen Fakten und Begleitumstände des Sterbefalles hat die Kooperation auch gestalterische Elemente wie Musik oder strukturelle Elemente wie detaillierte Absprachen zur Handlungs- und Zeitschiene einer Beisetzung zum Inhalt. Beiderseitige Verlässlichkeit auf die jeweilige Kompetenz ist hierbei grundlegende Basis allen Handelns. Ineinandergreifendes Tun - dort, wo gemeinsames und paralleles Agieren erforderlich ist, beispielsweise beim gemeinsamen Begleiten des Sarges zum Grab, oder respektvolle Distanz zum Arbeitsfeld des jeweils Anderen, sei es während der Rede oder beim Versenken des Sarges - beides kennzeichnet die achtsame Präsenz im miteinander zu bewältigenden Arbeitsfeld. Mitunter ist auch konkrete gegenseitige Unterstützung nötig - etwa, wenn der Bestatter den Redner in die Kontexte einer ihm unbekannten Trauerhalle einweist oder wenn der Redner einem Bestatter durch ihm im Trauergespräch offerierte Inhalte auch ungewöhnliche Wünsche Angehöriger plausibel macht. Immer geht es um die Verzahnung von Tätigkeiten und Arbeitsbereichen, die auf das Gelingen der gemeinsamen Aufgabe gerichtet sind. Je eingespielter und vertrauter das Verhältnis zwischen Redner und Bestatter dabei ist, desto mehr kommt diese Qualität den Leidtragenden zugute.

Im vorliegenden Fall war die Unterstützung des Redners für den Bestatter sehr konkreter Art: Er hatte ihm "den Rücken freizuhalten", so dass die lädierte Hose möglichst nicht in das Blickfeld der Anwesenden fiel. In der Trauerhalle konnte die Malaise noch durch eine Positionierung strikt an der Wand kaschiert werden, auf dem Weg zum Grab nahm der Bestatter dann den für ihn ungewohnten letzten Platz des Zuges ein. Anlässlich der Verabschiedung aber - also auf dem Rück-Weg - musste und konnte die geöffnete Hosennaht nur durch geschicktes "Nahtschattenlaufen" des Redners in naher Distanz zum vorausgehenden Bestatter verdeckt werden. Dem Gelingen dieser Abmarsch-Choreographie kamen die Ereignisse am Grab entgegen: Nachdem die letzten Worte des Redners verklungen waren hatten dort bei dieser gemischt abendländisch-morgenländischen Beisetzung die muslimischen Bestattungsspezialisten die Regie übernommen. Während man an der Grabstätte lautstark darüber diskutierte, wo denn nun Mekka sei und in welcher Richtung der Verstorbene beizusetzen wäre, nutze das Bestatter-Redner-Duo die gebundene Aufmerksamkeit aller Anwesenden für einen unauffälligen Rückzug. Noch einmal davongekommen ...

Ernst Cran

Zurück zum Seitenfanfang