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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Dezember 2009

"Ich habe für Ihre Rede schon etwas vorbereitet!" teilte die Witwe gleich zu Beginn der Besprechung für die Trauerfeier mit - und legte drei dicht beschriebene Blätter auf den Tisch des Hauses, bevor sie sich zum Richten von Kaffee und Kuchen in die Küche zurückzog. Dem Redner offenbarte sich auf diesen Blättern ein fertig ausformulierter Text, der bis auf die Anrede und einen kontextgemäßen Schluss ohne Weiteres als Ansprache vortragbar war. War damit die Arbeit bereits getan, noch bevor sie begonnen hatte?

Wenn Angehörige als Vorlage für den Redner Fakten, Daten und Gedanken zum Verstorbenen sammeln und bereits schriftlich notiert vorlegen, ist dies in zweierlei Hinsicht vorteilhaft: In der eigenen gedanklichen Aktivität kann für die Hinterbliebenen damit ein innerer Blick auf das Leben des Verstorbenen gewonnen werden, der die Trauerarbeit unterstützt. Im notierenden Wahrnehmen des Lebensvolumens können Aspekte von Dankbarkeit und anerkennender Rückschau an die Seite des Schmerzes treten. Für den Redner wiederum bietet die bereits erfolgte Sammlung von Informationen die Gewähr, dass sich seinerseits keine Fehlerquellen in die Fakten einschleichen können. Das übergebene "Material" hat seine Wurzeln in authentischen Quellen, die unmittelbar mit dem Leben des Verstorbenen verbunden waren. Allerdings bedeutet all dies keine Reduzierung des Arbeitsvolumens: Zum Einen werden im Gespräch alle bereits niedergeschriebenen Inhalte bezüglich ihrer Verständlichkeit zu hinterfragen sein. Weiterhin bietet das bereits Verfasste natürlich eine zunächst emotional getroffene Auswahl, die unter Umständen der Ergänzung bedarf. Hierzu sind weiter gehende Fragen zu stellen und zu besprechen - etwa, was Details bestimmter Lebensebenen betrifft, die eventuell übersehen wurden. Abschließend kommt es darauf an, die vorgelegte Sprachform auf ihre Durchgängigkeit wie Vortragbarkeit hin zu überprüfen. Der schon formulierte Stil muss und soll mit dem Stil des Redners kompatibel sein: Die Sprache der Angehörigen soll sich in der endgültigen Rede wiederfinden - und gleichzeitig soll es glaubwürdig die Rede aus dem Mund des dann Vortragenden werden. Mitunter muss bei überbordendem Faktenreichtum auch eine Auswahl der Inhalte getroffen werden. Immer aber muss und soll die Grundintention der Angehörigen gewahrt bleiben: Die Gewährleistung der Erkennbarkeit des zu würdigenden Lebens, die sprachliche und inhaltliche Nähe zur Ausgangsbasis - und ihre Vollendung in der gestaltenden Kompetenz und darbietenden Leidenschaft des in der Feier Sprechenden.

Der ausgearbeitete Redetext entsprach fast bis auf die Zeile dem Umfang der Vorlage. Dennoch war aus ihr etwas Anderes geworden. Den Angehörigen traten darin identifizierbar Bausteine und Gedankenlinien ihrer Aufzeichnungen entgegen - und gleichzeitig stand ihnen hörbar auch etwas Äußeres gegenüber: Etwas, das sie beschenkte und sie in seiner Stimmigkeit wie fein justierten Ausrichtung auf zentralen emotionalen Ebenen berührte. Dass es gelungen war, den Bogen vom vorgegebenen Text zu einer mit Empathie und Schlüssigkeit komponierten verbalen Situation zu spannen, zeigte sich einen Tag später in der - wiederum schriftlich formulierten - Rückmeldung der Angehörigen: "Es ist Ihr Verdienst, meinem Mann, unserem Vater diesen würdevollen Abschied zu geben. Es ist nicht jedem Menschen diese Fähigkeit gegeben."

Ernst Cran

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