Das Defilé der Trauergäste an der Urnennische hatte bereits begonnen - man verabschiedete sich an der Grabstätte von der dort soeben beigesetzten Urne des Verstorbenen. Diese Bewegung jedoch wurde durch einen Uniformierten jäh gestoppt, der unvermittelt und ohne Ankündigung das Wort ergriff. Der Mann erwies sich als Sprecher des örtlichen Schützenvereins und fand in der Würdigung seiner Verdienste lobende Worte für das verstorbene Mitglied. Weitere Schützenkameraden traten hinzu und erwiesen dem Freund die letzte Ehre, der Fahnenträger senkte das reich geschmückte Banner auf die Grabstelle hernieder.
Grußworte von Vereinen und/oder Organisationen, denen ein Verstorbener angehört hatte, können im Rahmen einer Abschiedssituation eine hilfreiche und belebende Wirkung entfalten. Für den Redner bieten sie in jedem Fall die Gewissheit, bestimmte Passagen eines Lebens von kompetenter, weil authentischer Seite aus kommentiert zu wissen und sie in der eigenen Rede dann etwas zurückhaltender behandeln zu können. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass er um geplante Grußworte überhaupt weiß. "Wird außer mir noch jemand in der Trauerfeier das Wort ergreifen?" Diese Frage gehört demnach zu den immer relevanten Themen bei der Besprechung und Planung der Struktur einer Beerdigung. Falls es noch andere Grußredner gibt, bietet sich zuweilen sogar eine telefonische Absprache mit ihnen an, um Umfang und Art der Ausführungen abzustimmen. In jedem Fall aber ist zu klären, ob ein "Co-Redner" noch in der Trauerhalle oder erst ganz am Schluss am Grab sprechen möchte und soll. Dies hängt sicher auch davon ab, ob es sich um eine "offizielle Person" wie einen Vertreter des Arbeitgebers oder einer anderen Institution wie Verein oder Partei handelt, oder ob die Grußworte aus dem Feld der Familie oder Freundschaft heraus gesprochen werden. Letztere haben gewiss einen sichereren Platz inmitten der definierten Abfolge in der Trauerhalle als in der emotional doch ungeschützteren Umgebung direkt am Grab. Bei aller Planung aber muss der Redner als Leiter des Ablaufs auch mit spontanen Grußworten umgehen, die weder inhaltlich noch strukturell eingepasst werden konnten. In diesem Fall ist der spontanen Aktion der Vorrang zu geben, eigene Konzepte und Vorgehensweisen haben für den Moment hintan zu stehen.
Die Abordnung des Schützenvereins hatte die Trauerhalle just in dem Moment betreten, als zwischen Redner und Witwe des Verstorbenen gerade die letzten Worte vor Beginn der Feier ausgetauscht wurden. Der Tote hatte vielfältige Freizeitbeschäftigungen gepflegt - über Schützen aber war im Vorgespräch kein Wort gefallen. Die Nachfrage bei der Witwe ergab nun, dass ihr Mann sehr wohl Mitglied dieses Vereins war, jedoch "nur passiv". Vorsichtshalber aber wurden der Rede dann doch noch einige Sätze eingefügt, die diese Mitgliedschaft und die Anwesendheit der Vereinsmitglieder in der Feier würdigten. Diese Maßnahme erwies sich als goldrichtig und vermied eine peinliche Lücke im Lebenspanoptikum des Verstorbenen, die dann gewiss der mangelnden Recherche des Redners angelastet worden wäre: In den lobenden Worten am Grab nämlich wurde ausgeführt, dass der Tote mitnichten nur passives Mitglied der Schützen gewesen sei, sondern als gelernter Industriekaufmann dem Verein auch viele Jahre lang als Kassier gedient hatte.
Ernst Cran