Der Händedruck der Witwe des Verstorbenen kam von Herzen. Ihre Stimme aber wirkte spürbar unsicher, als sie sich nach der Trauerfeier verabschiedete: "Ich scheue mich ja, dieses Wort zu gebrauchen. Aber ich habe das Gefühl, dass es stimmt: Es war eine schöne Abschiedsfeier für meinen Mann. Und das hat er auch verdient!"
Was kann an einer Trauerfeier oder Beisetzung "schön" sein? Sicherlich am wenigsten die Tatsache, dass ein Mensch verstorben ist. Und sicher genauso wenig, dass man Abschied zu nehmen hat. Eher wohl schon die Art und Weise, wie dieser Abschied gestaltet und vollzogen wird. Die Schönheit liegt dabei gewiss in der Wertigkeit, die man dem Anlass - und damit auch dem Menschen, um den es geht - abspürt. Und sie liegt in der Ästhetik, mit der jedes Element der Gestaltung ausgearbeitet und dargeboten wird. Der Redner kann hierzu vielfältige Beiträge leisten - und die beginnen schon bei seinem Äußeren: Ein gepflegtes Aussehen gehört dabei zu den Selbstverständlichkeiten. Angemessene Kleidung, die durchaus auch auf andere als nur die "Trauerfarbe" Schwarz zurückgreifen darf, ebenso. Die Körpersprache vermittelt Haltung und Konzentration, aber auch mitfühlende Präsenz und Kommunikationsbereitschaft. Ruhe und Ausgeglichenheit zeigen sich in bedachten Bewegungen, die jeder Aufgeregtheit von Angehörigen einen auch optischen Halt anbieten. Die Modulation der Stimme vermeidet überzeichnete Dramatik und nähert sich den Inhalten wie der Situation sowohl mit nüchterner Klarheit als auch mit einer Klangfärbung, an der man sich akustisch "wärmen" kann; in der Regel wurde die Stimme eine Zeit vor dem Beginn der Feier auch durch entsprechende Übungen "warm" gemacht. Die Sprachebene und der Wortschatz zielen auf höchste Verständlichkeit und größtmögliche Reduziertheit jenseits aller inhaltsleeren Ausschmückungen. Der Redner personifiziert in seinem Auftreten und in seiner verbalen Leitung der Feier die Verlässlichkeit der Struktur und des inhaltlichen "roten Fadens". Einzubinden hat er darin auch alle musikalischen Elemente sowie Beiträge etwaiger Grußredner. Vom ersten Moment der Begrüßung an bis zum letzten der Verabschiedung reicht der emotionale Spannungsbogen, der im Blick zu behalten ist. Jede kleinste Geste, jede Nuance der Choreographie und Abstimmung leistet darin einen Beitrag zur Vollendung der Gesamtaussage. Dies alles vollzieht sich ohne "Schauspielerei" und/oder aufgesetzte Verhaltenskodices, sondern hat seine Mitte alleine in der Achtsamkeit auf das, was sich im Vorfeld der Feier als wesentlich erschlossen hat. Dieses Wesentliche ist Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens und aller Rede. Darin finden sowohl das "Vermächtnis" des Verstorbenen als Person als auch die Empfindungen und Wünsche der Angehörigen ihren Ausdruck. Kommt all das zusammen, kann ein Abschied sein wertvollstes Antlitz gewinnen: Das zum Strahlen zu bringen, was ein Mensch dem Leben gegeben hat. Und als Resonanz den Dank derer, die daran Anteil hatten.
Der Volksmund hat für das Empfinden des Wertes einer Trauerfeier einen schlichten, aber treffenden Ausdruck geboren. Dort wird exakt jenes Wort verwendet, das vordergründig so schwer nur zu diesem Anlass zu passen scheint, ihm aber doch auf eine sehr eigene Weise gerecht wird: "Eine schöne Leich'!"
Ernst Cran