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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im April 2010

"Eigentlich weiß ich erst so richtig, was ich sagen werde, wenn ich mit Beginn der Musik die Trauerhalle betrete. Neulich aber ist mir absolut nichts eingefallen. Zum Glück fiel mein Blick dann auf die einzige Blüte des Magnolienstrauches in der Halle und ich hatte meinen Faden gefunden. Am Ende hatte ich dann sogar Mühe, die vorgegebene Redezeit einzuhalten." Der Kollege empfand diese Schilderung weder als Geständnis noch als Hilferuf, sondern schlicht als Ausdruck seiner rednerischen Realität. In lockerer Runde berichtet wird sie wohl als Bonbon in seine beruflichen Erinnerungen eingehen.

Eine Trauerrede halten - das hat viele Gesichter. Groß ist die Bandbreite jener Räume, aus denen heraus ein Redner schöpft, bevor er zum ersten Wort ansetzt: Die völlig papierlose und frei formulierte "stand up-Rede", die ihre Inhalte aus dem unmittelbaren Empfinden der Situation, dem Fundus an im Gedächtnis gespeicherten Gedankenläufen und einer womöglich noch kurz vor Beginn der Feier erfolgten Begegnung mit den Angehörigen schöpft. Die "Notizzettel-Rede", die sich an Stichworten entlangarbeitet und die letzte Formulierungskunst der momentanen Eingebung überlässt. Die "Vorgaben-Rede", die einen - in der Regel von den Hinterbliebenen - gefertigten Lebenslauf des Verstorbenen in Händen hält und diesen dann mit einem weltanschaulich adäquaten Rahmen versieht. Die "Modul-Rede", die mit dem Blick auf die konkrete Person aus dem Setzkasten von Zitaten und ihrer verbalen Ausarbeitung ein rednerisches Kaleidoskop erstellt, das mosaikartig stimmig wirken soll. Die "Vortrags-Rede" schließlich, die auf einem fertig ausformulierten Text fußt, der im Idealfall dann auch noch individuell erstellt wurde. Gelingt der Vortrag eines solchen Textes, dann wirkt er nicht einmal „verlesen“, sondern wie eben erst entstanden und frisch in die Situation hineingesprochen. Selbst wenn der Blick des Redners dabei ab und zu dem Text auf dem Papier folgt - der hörbare und in der stimmlichen wie haltungsmäßigen Präsenz des Redenden wahrnehmbare Eindruck ist der, dass hier und jetzt etwas gesagt wird, das in seiner Relevanz und Prägnanz genau auf dieses Hier und Jetzt und die Einmaligkeit der Situation für die Betroffenen hin geschaffen und zugespitzt wurde. Am Ende gar darf eine "Vortrags-Rede" dann so wirken, als wäre sie "stand up-Rede". Ihre Basis aber hat sie fernab der Zufälligkeiten aktueller Eindrücke und/oder Inspiriertheiten, sondern in einem inhaltlich recherchierten und den Formulierungen nach komponierten Text, der dann sogar in Papierform an die Hinterbliebenen übergeben werden kann. Selbstredend ist der Zeitaufwand für die Erstellung einer Rede umso höher, je mehr Vorarbeiten und verbaler Schliff in den Text investiert werden. Selbstredend lassen sich mit dem "stand up-Prinzip" auch wesentlich höhere Auftragszahlen für einen Redner erzielen. Für die Betroffenen aber kommt es auf etwas Anderes an: Auf die Wahrnehmung des Wertes, den ihr Sterbefall von Seiten des Redners erfährt. Auf das Empfinden der Hochschätzung, die dem Leben ihres Verstorbenen durch das Gesagte zuteil wird. Und auf die Bereitschaft des Redenden, genau dafür die Zeit und Gedankenkraft eingesetzt zu haben, die den gegebenen Anlass zum Blühen bringt.

Glücklich darf sich jener Redner schätzen, der mit einer "Vortrags-Rede" vor der Trauerversammlung steht - und den beim Betreten der Halle der Blick auf eine Blüte zu seiner frei formulierten Begrüßung inspiriert.

Ernst Cran

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