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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Mai 2010

Die Traueranzeige für den Verstorbenen wurde von keinem der sonst üblichen Symbole geschmückt. Weder ein Kreuz noch eine Rose, weder eine Taube noch eine untergehende Sonne oder ein Schiff waren neben den Abschiedsworten dargestellt. Eine ganz andere gegenständliche Abbildung zierte die Mitteilung dieses Todes: Seine Familie hatte dem Naturliebhaber und Vogelfreund die Zeichnung einer singenden Nachtigall gewidmet. Die Melodie dieser kleinen Sängerin als Gleichnis für den Bogen eines Lebens. Der Klang dieses feinen Stimmchens als Nachhall gewesener Lebendigkeit.

Worin findet eine Trauerrede ihre verbale Verankerung? Mitnichten braucht sie dazu Anleihen aus der Welt der Literatur. Mitnichten braucht sie dazu Zitate großer Denker oder etwa heilige Worte von Propheten oder gar einer religiösen Oberinstanz. Eine Trauerrede kann auch ganz und gar darauf verzichten, sich mit Aphorismen oder klugen Reimen zu spicken. Sie kann es gänzlich unterlassen, geliehene Weisheiten im Munde des Redners zu assimilieren und solchermaßen wiedergekäut wie den zweiten Aufguss eines Teebeutels zu servieren. Eine Trauerrede kommt ohne den Hintergrundschatz bis zum Bersten gefüllter Zitatendateien aus und ebenso ohne die Nachschlagewerke gängiger weltanschaulicher Interpretationsschemata des Daseins. Sie braucht weder berühmte Namen noch berühmte Werke als Garanten für die Substanz ihrer Inhalte. All das darf unterbleiben, all das darf der Redner unterlassen. Er darf es - muss es aber nicht. Etwas Anderes jedoch muss er: Treffsicher jenen einen Punkt finden, auf den es in diesem Fall ankommt. Zielgenau jenen Bereich anvisieren, der die einem Leben innewohnende spezifische Struktur und Kontur beschreibt und findet. Nicht darum geht es, dieses Leben zu in der Literatur bereits getätigten Beschreibungen der Existenz in Beziehung zu setzen. Sondern darum geht es, wie von innen her das Leben eines Gegangenen in seinem bleibenden Echo zu erschließen und darin seine Einmaligkeit wahrzunehmen. Dafür reicht mitunter ein einziger Anknüpfungspunkt in einer vollzogenen Lebenswirklichkeit. Dafür kann es genügen, an dieser einen Stelle anzudocken und hieraus dann jenes Lebensvolumen zur Entfaltung zu bringen. Wenn dies gelungen ist, dann darf auch Literatur in der Rede Platz finden. Wenn diese Aufgabe treffend gelöst wurde, dann kann auch ein Zitat seine - dienende - Wirksamkeit an einem wohl gewählten Platz entfalten. Vielleicht gerade eher am Schluss von allem Gesagten, vielleicht gerade als "letztes Wort" aus dem Munde des Redners - wie als Schlussstein einer Brücke, die durch die achtsam eruierten und zugeordneten Bausteine des zu würdigenden Lebens längst ihren Bogen in die Situation des Abschieds hinein geschlagen hatte.

Manchmal aber sagt die Wortlosigkeit mehr als alle Worte. Manchmal reicht eine einzige tragfähige Metapher, um alles auszudrücken. Das Ende jener Rede, die dem Vogelliebhaber gewidmet war, bestand in der Einladung zur Stille. Und in dem Impuls, dem in der Traueranzeige abgebildeten Vögelchen in der Bezogenheit auf den Verstorbenen die eigene innere Stimme des Herzens zu leihen. Diese Stimme nämlich trifft immer den richtigen Ton - auch ohne die Anführungszeichen, welche literarisch "Wichtiges" von Profanem zu unterscheiden vorgeben.

Ernst Cran

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