Die Begegnung ergab sich zufällig: Soeben hatte der evangelische Geistliche seine Trauerfeier beendet und den gemeinsamen Aufenthaltsraum neben der Trauerhalle betreten. Ungefragt eröffnete er das Gespräch und gab darin einen markanten Blick in seine Einschätzung des soeben Erlebten preis: "Das Eigentliche geschieht ja sowieso im Vorgespräch. Alle seelsorgerlich wichtigen Dinge und therapeutischen Impulse finden dort statt. In der Trauerfeier kann man daran nichts mehr ändern oder dazutun. Hier sind die Würfel längst gefallen." Solchermaßen nachsinnend verließ er nach kurzem Gruß den Raum. Hier nun stand der Beginn der nächsten Feier an, und dieser galt - gleich eine Tür weiter - jetzt das eigene rednerische Gestalten.
Wie verhalten sich Vorgespräch und gestaltete Abschiedsfeier zueinander? Ist das Eine das "Eigentliche" und das Andere nur die "Show"? Hat das Eine inhaltliche wie gehaltliche Präferenz und gilt das Andere nur der Zelebrierung konventionell geforderter Riten und Sätze? Ist alles schon geschehen und getan, wenn das Vorgespräch gelungen und eine menschliche Brücke zu den Trauernden geschlagen worden war? Oder ist es gerade umgekehrt: Kommt es abseits jeglicher Vorinformationen, die ja immer subjektiven und zufälligen Charakter haben, gerade auf die Dominanz über- und unpersönlicher Abläufe und Liturgien an? Hat die "Seelsorge" ihre Schuldigkeit getan, wenn im traulichen Gespräch Tränen getrocknet werden konnten - und greifen jetzt in der Feier die mächtigen Zusammenhänge des Daseins, denen allein institutionell gewachsene Rituale standhalten können? Wo liegt der Haupt- und wo der Nebensatz jenes Geschehnisbogens zwischen Vorgespräch und letztem "Ade" am Grab oder am Sarg?
Vielleicht liegt das denkerische Verhängnis gerade darin, beide Aspekte dieses Geschehens gegeneinander ausspielen zu wollen. Vielleicht kommt es gerade darauf an, die Bezogenheit beider so unterschiedlicher Situationen aufeinander wertzuschätzen und in diesem Bezug zweier Pole zueinander den Aktionsradius der eigenen Kompetenz auszuloten. Töricht ist doch der Weitspringer, der einzig der Geschwindigkeit seines Anlaufes vertraut und dann den Absprung verpasst. Töricht aber ist auch jener, der meint, aus dem Stand heraus nennenswerte Ergebnisse in der Sprunggrube erzielen zu können. Vorgespräch und Trauerfeier sind in aller Unterschiedenheit zwei gleichwertige Etappen im Abschiedsgeschehen. Weder ist die Arbeit nach der ersten schon getan noch fängt sie bei der zweiten erst an. Ihren Schalt- und Verknüpfungspunkt zueinander haben beide Etappen in jenem Bereich, der ureigenste Aufgabe des Redners ist: Der Trauerrede. Sie wird befruchtet und ins Leben gerufen durch die Begegnung vorab. Diese Frucht aber hat sie nun zu ergießen und zur Verfügung zu stellen - jenseits des "Absprungbalkens" des ersten Wortes - in eine präzise definierte Konstellation und Menschengruppe hinein: Die Trauergäste. "Gäste" und Angehörige sitzen im selben Abschiedsboot - wenn auch an unterschiedlichen Plätzen. Seelsorge hat viele Adressaten - womöglich gerade den, der mit dem speziellen Trauerfall gar nichts zu tun hat und nur "zufällig" anwesend ist. Jeder Moment ist wichtig - und jedes Wort. Mit dieser inneren Vorgabe behält gerade die jetzt beginnende Trauerfeier den ihr zustehenden Wert der Einmaligkeit!
Ernst Cran