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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Ein offenes Wort am offenen Grab

Im Juli 2010

Die Trauerfeier war soeben mit den Schlussworten des Redners beendet worden. Die Anwesenden hatten sich erhoben, um zum letzten Weg mit dem Verstorbenen aufzubrechen und die Asche seines Leibes zum Grab zu geleiten. Was dann jedoch als feierliche Beisetzung der Urne beginnen sollte - das vollzog sich in überraschender Sachlichkeit: Vor den Augen der Abschiednehmenden wurde die an der Urne befindliche Dekoration demontiert, die flankierenden großen Kerzenständer beiseite gestellt und die Kerzen gelöscht. Flugs verschwand auch das Foto mit dem Bildnis des Toten samt der kleinen Holzstaffelei in einer bestatterlichen Armbeuge. Der Platz, an dem eben noch würdevoll die Urne gethront hatte, wurde zügig frei gemacht, um an der seitlichen Hintertür den Weg für den Trauerzug zu ebnen. Begleitende Klänge der Orgel verdeckten nur mühsam das auf diese Weise entstandene Aktionsvolumen des "Abräumkommandos", das dann auch durchaus geräuschintensiv die Kränze und Blumenschalen auf den draußen bereit stehenden Wagen hievte.

Dekoration ist mehr als nur Beiwerk. Ein achtsam geschmückter und farblich wie materialmäßig bewusst gestalteter Platz um den Sarg oder die Urne ist mehr als bloße optische Schönfärberei oder "Schminke" zur Linderung der Abschiedsschmerzen. Es lohnt sich, im Vorfeld der Feier mit den Angehörigen auch kleinste Nuancen der "Präsentation" des Verstorbenen auf ihre Bedeutung und Aussagekräftigkeit hin zu befragen und auszuloten. Es lohnt sich, auf Farben und Stoffe, auf floristische wie beleuchtungstechnische Aspekte und Gestaltungsmöglichkeiten einzugehen, um jenen Raum, der dann ganz alleine dem Toten gehören wird, stimmig und profiliert zur Geltung zu bringen. Schon beim Betreten der Trauerhalle soll doch deutlich und ansichtig werden, welcher Wert und welche Wichtigkeit dem Anlass und dem Verstorbenen hier zuteil wird. Alleine schon die optische Ausgestaltung der Umgebung soll ein Licht auf die Bedeutung jenes Menschen werfen, dem hier der letzte Gruß des Lebens gereicht wird. Auch wenn der Redner wohl nur selten Gelegenheit hat, in die betreffenden Überlegungen einbezogen zu sein - spürbar ist es allemal, wenn ein Sarg oder eine Urne nicht nur abgestellt und "gezeigt" wird, sondern in Übereinstimmung mit dem Kontext der Räumlichkeit und unter Einbeziehung persönlicher Nuancen der Betroffenen mit dem Anspruch auf Ästhetik und Wertigkeit in den Anlass "hineinkomponiert" wird. Kreativität und Empathie können hier für die Angehörigen sehr hilfreiche und emotional stützende Allianzen eingehen und eine durchaus künstlerisch anmutende Ebene erreichen.

Umso bedauerlicher ist es, wenn mit dem so Geschaffenen der blanken Logistik wegen dann derart derb umgegangen wird, dass allen Augenzeugen der Eindruck achtsamer Betroffenheit der Beteiligten Handgriff um Handgriff entschwindet und die gestaltete Würde in nacktes Handwerk zerlegt wird. Dabei hätte es gerade in dieser Halle und gerade für diesen letzten Termin des Tages einen trefflichen Aus-Weg gegeben: Die Blumen werden am Ende wie gewohnt durch den hinteren Seitenausgang hinaustransportiert - die Urne aber mit der Trauergemeinde nimmt vorher ihren Weg im Angesicht der brennenden Kerzen und mit dem erinnernden Blick auf die wirklich behutsam gestaltete Kulisse - durch den Hauptausgang!

Ernst Cran

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