Der Trauerzug mit der Urne hatte sich in Bewegung gesetzt. Der Weg führte hinaus aus der Kapelle in ein abschüssig gelegenes Areal des Friedhofs - hinein in den Bereich der Urnengräber. Die späte Vormittagssonne beleuchtete das frische Grün des Weges, die Bestatterin trug gemessenen Schrittes die Urne - den Redner an ihrer Seite. Wenige Meter voran schimmerte in Kopfhöhe ein glänzend helles Etwas. Beim Näherkommen entpuppte es sich als eine kleine Raupe, die an einem viele Meter langen dünnen Faden von einem der den Weg säumenden Bäume herabhing. Die Bestatterin ging geradewegs darauf zu.
Fühlt sich womöglich so die Trauer an? Zwischen Himmel und Erde hängend, mit nichts mehr verbunden als einem seidenen Faden. Kopfüber in die Tiefe baumelnd - als hätten sich Unten und Oben verkehrt, als wären die Grundfesten des Daseins aus den Fugen geraten. Ist dies womöglich der Gemütszustand derer, mit denen jeder an einem Trauerfall Beteiligte zu tun hat? Verpuppt in die Ohnmacht von Gefühlen und Empfinden, eingesponnen in einen Kokon von Geschehnissen, die dem Leben die Luft rauben. Schutzlos und regungslos jeder Kraft von außen ausgeliefert. Hilflos und orientierungslos jedem Impuls von außen ausgesetzt. Ein Dasein wie in einem eigenen Universum, in das hinein die Normalität keinen Zugang hat. Verschlossen in einem Innenleben, in dem der Stachel des Verlustes bohrt. Gekrümmt wie zu einem Fragezeichen an die Zeit - was wartet nach dem nächsten Atemzug, hinter dem nächsten Luftzug des Seins?
Die im leichten Wind baumelnde Raupe verhedderte sich unbemerkt in der Frisur der Bestatterin. Keine Chance hätte diese gehabt, dieser Landung zu entgehen - sie hatte schlicht keine Hand frei. So transportierte sie den kleinen "Anhalter" bis zur Grabstelle, wo er bis zum Ende der Beisetzung unentdeckt blieb. Erst beim Abschied nahm eine Angehörige von ihm Notiz und machte die Bestatterin auf ihren kleinen Beifahrer aufmerksam. Schnell war er den Haaren entwunden und auf die Blätter eines blühenden Busches umgebettet.
Die Kehrseite der Medaille: Wer anscheinend im Leeren hängt, wird auf einmal mitgenommen. Wer berührungslos für sich ist, dem widerfährt eine Begegnung. Der wird mit auf einen Weg genommen, der ihn in blühendes Grün bringt. Dem wird eine Landung ermöglicht, die der eigenen Bewegung wieder Raum schafft. Jene Raupe hatte ohne eigenes Dazutun gut 100 m zurückgelegt. Eine Weltreise. Wenn dies eine Metapher für das Leben ist, dann darf auch jeder Trauernde in der Zuversicht leben, dass hinter der empfundenen Leere die Fülle steht, dass um das gefühlte Nichts herum ein ganz anderes und neues Universum wartet. Dass dazu noch aus der Trägheit und Unförmigkeit eines Raupendaseins sich die Pracht eines Schmetterlings entfalten kann - dies ist ein Lehrstück, ja ein Meisterstück des Lebens. Das Vertrauen in die Wunderkraft einer solchen Metamorphose ist ein guter Begleiter für jeden, der sich mit anderen auf einen Weg des Abschieds macht. Und manchmal liegt - oder hängt - auf einem solchen Weg ein kleines Zeichen, wie ein augenzwinkernder Gruß der Lebendigkeit im Angesicht ihrer Vergänglichkeit.
Ernst Cran