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Ernst CranReden & RitualeNürnberg

Bonbon des Monats

Aufwachen

Der Wecker ist ein grässliches Folterinstrument. Es hat Einzug gehalten in die verstromten Schlafzimmer ruheloser Nächte. Er feiert Triumphe zu jeder Zeit, in der ahnungslose Zeitsklaven ihn zum Aufpasser ihrer Lebendigkeit machen. Sein ankündigungsloses Eindringen in das sachte Schweben der Nacht schießt den Schlummer ab wie einen kreisenden Adler. Er nimmt deinen ureigensten Rhythmus des Atems und deine in langem nächtlichen Suchen gefundene Balance an die Kralle. Er würgt dich so lange, bis du dich ihm ergibst. Sein einziger Wille ist es, deine Sinne zu besitzen. Er reißt dir die Ohren auf und die Hände aus der umbergenden Decke hervor. Er will, dass du ihn berührst. Aber vorher stopft er dir die Seele zu mit den Scheußlichkeiten der Außenwelt, mit den Nichtigkeiten der Verkehrsströme. Er zwingt dein Herz in den Puls hämmernder Maschinenmusik und er belästigt dein Gemüt mit dem Plappern morgenfrischer Stehaufmännchen. Bisweilen kennt er Gnade. Dann belässt er es bei der penetranten Monotonie eines anschwellenden Ködertones. So schleicht er sich wie auf Zehenspitzen in die Ahnungslosigkeit deiner Seelenporen. Auch so kriegt er dich. Er zieht dich wie auf einem Leitstahl an sein Ziel. Er siegt immer. Und du bist der, der ihn hat siegen lassen. Du bist der, der ihn eingeladen hat zu seinen Verwüstungen. Ein verwüstetes Aufwachen - in Pflichten verpackt.

Wie anders ist ein Morgen, der deine Sinne mit lange Vorhersehbarem lockt: Mit dem Kitzeln scheuer Helle, mit dem zaghaften Anklopfen ferner Geräusche. Ein Morgen, der deiner Ruhe erste kleine Bewegungen erlaubt. Der die Reise deiner Seele ausklingen lässt wie die Wellen an einen sachten Strand. Ein kostbares Gut, ein solcher Morgen. Wann darf er sich ereignen?

Autor: Ernst Cran

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